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Von 2016 bis heute: Meine Etappen der Magersucht-Recovery

Wer gegen eine Essstörung kämpft, tut das nicht eine Woche lang und dann ist alles wieder gut. So eine psychische Erkrankung ist schließlich kein Schnupfen, der innerhalb von zehn Tagen ausgestanden ist.

Nein, eine Magersucht-Recovery ist etwas, das sich über einen langen Zeitraum erstreckt und – wie ich finde – mit einem Video-Spiel verglichen werden kann, bei dem man sich durch verschiedene Level kämpft und schließlich auf den Endgegner trifft.

Wobei, eine Magersucht ist sogar noch härter: Schließlich kämpft man in jedem Level gegen den Endgegner. Jeden Tag. Jede Minute. Zu jeder (Mahl-)Zeit.

Ich habe in meinem Leben zwar selten Playstation gespielt und kann daher auch keine Gaming-Tipps geben, aber ich bin gegen den Endgegner angetreten, habe mich von Level zu Level gekämpft und bin nun an einem Punkt, an dem ich nicht nur “GAME OVER” sagen sondern auch meine Erfahrungen weiterreichen kann.

Hier also kommen sie:

Die sieben Etappen meiner Magersucht-Recovery

Ablehnen

Meine Magersucht-Recovery beginnt im Februar 2016, nachdem mir meine Chefin ein Arbeits-Veto ausgesprochen hat und ich wieder in mein Elternhaus eingezogen bin.

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich verstehe nicht, was alle von mir wollen. “Ich treibe doch nur viel Sport und ernähre mich gesund”, verteidige ich mich immer wieder.

Das ist der Satz, den ich nun schon seit einem Jahr von mir gebe, wenn mich jemand auf meinen starken Gewichtsverlust anspricht. Ich sage ihn mit voller Überzeugung. Jedes Wort davon meine ich ernst.

Ich habe noch nicht eingesehen, dass ich krank bin. Noch habe ich den Controller nicht selbst in der Hand. Es ist meine Magersucht, die mit mir ihre Spielchen spielt. Ich bin ihr(e) Super Mario(nette), den (bzw. die) sie umherspringen und ungebremst durch die Gegend rennen lässt.

Wenn meine Magersucht mir befiehlt, über den Graben zu springen, tu ich es. Wenn sie mich in Richtung Verderben lenkt, folge ich ihren Anweisungen. Sie ist wie eine böse Stimme in mir, die mich herumkommandiert und komplett im Griff hat.

Ich bin so mit der Magersucht verbunden, wir sind so “Eins”, dass ich sie nicht als solches ansehe. Ich leugne, dass sie mich krank macht. Ich leugne, dass ich krank bin.

Anerkennen

Ich wohne also wieder daheim. Mein Körper ist am Ende. Meine Magersucht hingegen nicht. Sie möchte weitermachen. Sie lässt mich noch immer hin- und herspringen.

Aber ich kann nicht mehr. Ich stehe zu Hause vor der Treppe, die hoch in mein altes Kinderzimmer führt. Es sind 20 Stufen. Stufen, die ich mein Leben lang empor gestiegen bin. Jetzt packe ich nicht eine davon. Meine Beine fühlen sich schwer an. Meine Muskeln schmerzen bei jeder Bewegung. Mich verlässt jegliche Kraft.

Meine Tage verbringe ich auf der Couch. Ich liege unter zwei Daunendecken um nicht zu frieren. Immer wieder klappen meine Augen zu. Mein Körper braucht Ruhe. Stille, in der ich nachdenken kann. Stille, in der ich langsam realisiere, was hier gerade mit mir passiert.

Erkennen als erster Schritt der Magersucht-Recovery

Als mich eines Tages das letzte Bisschen Leben zu verlassen scheint, öffnet es mir im wahrsten Sinne des Wortes die Augen: Ich bin krank. Und wenn ich so weitermache, bringt mich diese Krankheit um.

Diese Erkenntnis ist der erste Schritt bzw. Griff in Richtung Controller. Ich nehme mein Leben jetzt wieder selbst in die Hand. Zumindest versuche ich es. Denn ja, ich habe anerkannt, dass ich krank bin. Aber oft ist meine Magersucht noch so stark, dass sie mich wieder zurück in ihre Fänge zieht und mir die Augen vor der Realität verschließt.

Jeder Tag wird zu einem Battle. Ich gegen die Essstörung. Die Essstörung gegen mich. Es ist ein ewiger Machtkampf. Tagtäglich wird entschieden, wer die Oberhand gewinnt. Doch ich weiß: Wenn ich jetzt nachgebe, wird sie gewinnen.

Von links nach rechts: (1) im Sommer 2015 bin ich einer Teufelskreis aus Hungern und Jogging gefangen. Selbst als man an meinen Beinen die Sehnen sieht, behaupte ich, dass ich “halt viel Sport treibe, aber eigentlich gesund sei”. (2) bevor es für mich im Oktober 2016 in die Klinik geht, reise ich mit meiner Mutter ins Disneyland. Ein Kindheitstraum, der mich motivieren soll, die Recovery durchzuziehen. (3) im Februar 2016 bin ich zurück im Normalgewicht und raus aus der Klinik. Die Zunahme sieht man mir besonders im Gesicht an. Doch über die kommenden Monate verteilt sich alles über den gesamten Körper.

An Gewicht zunehmen

Deswegen beschließe ich, meine Magersucht-Recovery an einen “sicheren Ort” zu verlegen und ein Level zu beginnen, in dem mir Luigi und Yoshi zur Seite stehen.

Ich lasse mich in eine Klinik einweisen, in der ich rund um die Uhr von Personal betreut werde. Sie setzen mich in meinen Rollstuhl, überwachen mich bei meinen Zwischenmahlzeiten und achten darauf, dass ich möglichst ruhe. Ich soll bloß keine Kalorie zu viel verbrennen. Jetzt kommt es darauf an, dass ich zunehme.

Doch ich versperre mich noch immer. Ich möchte zwar gesund werden, aber zunehmen möchte ich nicht.

Erst als ich ein paar Monate später in eine zweite Klinik “ziehe”, begreife ich, dass die Gewichtszunahme das A und O einer Magersucht-Recovery ist. Ohne geht es einfach nicht.

In der Einrichtung (die übrigens auf Essstörungen spezialisiert ist) soll ich jede Woche mindestens 500 Gramm zunehmen. Das ist hier die Regel. Entlassen wollen sie mich, wenn ich etwa elf Kilogramm zugenommen habe. Macht 22 Wochen, die ich hier zu leben habe.

Als ich diese Zahl umrechne und begreife, dass das fast ein halbes Jahr ist, fasse ich folgenden Entschluss: Ich ziehe das durch. Aber schneller. Willensstärker. Mit aller Power, die ich noch habe.

Meine Vision ist es, zurück zu der toughen Tabea zu finden, die ich einst war. Eine junge Frau mit Zielen und Träumen.

Schneller zunehmen statt lange quälen

Warum den Weg dahin also unnötig in die Länge ziehen? Warum diese Qualen länger aushalten als nötig?

Ich weiß, dass ich da raus will. Nicht nur aus der Klinik sondern auch aus der Krankheit. Und begreife: The only way is through! Ich muss da jetzt durch. Zunehmen muss ich so oder so. Da kann ich aus den 500 Gramm die Woche auch gleich 800 bis 1000 machen.

Also beginne ich zu essen. Auch wenn die Stimme in mir dagegen anschreit, bleibe ich dabei. Ja, es ist hart. Ja, jeder Gramm auf der Waage schmerzt. Doch ich weiß, dass das der richtige Weg ist.

Nach vier Monaten habe ich mein Gewicht erreicht. Ich habe die Anorexiegrenze überschritten und darf die Klinik verlassen.

Aushalten

Zurück in Hamburg erreiche ich das nächste Level: Jetzt gilt es, den Controller bloß nicht wieder abzugeben und auszuhalten.

Natürlich habe ich in den letzten Monaten therapeutische Unterstützung bekommen und rein von der Psyche Fortschritte gemacht. Allerdings war mein Körper ein bisschen schneller als mein Kopf. Hin und wieder habe ich noch immer an meiner “neuen” Silhouette zu knapsen.

Es gibt Tage, an denen halte ich es in meiner eigenen Haut kaum aus. Ich stehe vorm Spiegel und finde mich absolut unerträglich.

Ich ertappe mich dabei, wieder übers Abnehmen nachzudenken. “Nur so ein/zwei Kilo”, sage ich mir. Aber ich weiß: Es geht nicht nur ums aushalten sondern auch ums Gewicht halten.

Ich mache mir immer wieder bewusst, welchen Weg ich hinter mir habe. Jetzt nachzugeben, wäre wie den Stecker der Playstation zu ziehen und wieder von vorne anzufangen. Deswegen bleibe ich konsequent. Ich ernähre mich weiterhin nach meinem Essensplan aus der Klinik, meide zu viel Bewegung und treibe erst recht keinen Sport.

Um mehr zu meinem Körper zu finden und mir ein gutes Gefühl in ihm zu ermöglichen, räume ich übrigens alle Stolpersteine aus dem Weg: Ich lösche alle Fotos, auf denen ich zu dünn bin von meinem Handy sowie von meinem Instagram-Account, verbanne alle XXS-Kleider aus meinem Schrank und lege mir neue Klamotten zu, in denen ich mich absolut wohl und schön finde.

Denn ich bin ganz ehrlich: Nur weil ich in der Klinik den Endgegner besiegt habe, ist der Kampf längst nicht beendet. Es bleibt schmerzhaft. Es bleibt anstrengend. Aber ich rufe mir immer wieder ins Gedächtnis, wofür ich das hier mache. Ein glückliches, freies Leben.

(1) beim Shoppen achte ich im Sommer 2017 darauf, dass alles schön bequem sitzt und ich mich wohl fühle. (2) Mitte 2018 fokussiere ich mich wieder sehr auf den Sport und nutze ihn, um meinen Körper “zu gestalten”. Auch wenn es mein Ziel ist, Muskeln aufzubauen, nehme ich vorrangig ab.

Annähren & Ausprobieren

Meinem Körper nähre ich mich aber nicht nur an, in dem ich ihn neu verpacke. Shoppen ist zwar ganz nett, aber nicht das Heilmittel. 😄😄

Nach etwa einem halb Jahr “in Freiheit” beginne ich damit, mich auszuprobieren: Ich traue mich wieder in Sportkurse, teste meine alte Laufrunde und löse mich immer mehr von meinem Meal-Plan.

Dabei bin ich stets im Kontakt zu mir: Überfordere ich meinen Körper gerade wieder? Jogge ich zum Spaß oder pushe ich mich schon wieder über meine Grenzen? Höre ich auch wirklich auf mein Hungergefühl? Lande ich am Ende des Tages bei ausreichend Kalorien?

Diese Fragen sind extrem wichtig und helfen mir, A) nicht wieder zurückzufallen sondern B) auch ein Gefühl für die Bedürfnisse und Grenzen meines Körpers zu entwickeln.

Dann, das gebe ich zu, kommt jedoch eine Phase, in der ich mich wieder sehr streng betrachte. Ich gehe mehrmals die Woche zum Sport, fange wieder damit an, meine Figur zu manipulieren und verfalle erneut in eine Art Sucht.

In dieser Phase nehme ich wieder ein bisschen ab und sehe ziemlich definiert aus. Wenn ich heute einige Fotos betrachte, denke ich: “Auwei, das war aber wieder hart an der Grenze”. Dennoch überschreite ich sie nicht. Ich bleibe im gesunden Gewichtsbereich.

Akzeptieren

Erst als ich im September 2018 zum Yoga finde, beginne ich, mich und meinen Körper mehr und mehr wertzuschätzen. Ich erfahre, dass mein Körper so viel mehr ist als eine bloße Hülle, die es zu gestalten gilt.

Nach und nach spüre ich eine Liebe in mir, die ganz mir selbst gilt. Diese Liebe stellt keine Bedingungen. Kennt keine Grenzen. Setzt mich nicht unter Druck. Ich beginne, mich so zu akzeptieren wie ich von Natur aus bin.

Dabei hilft mir nicht nur Yoga, sondern auch Spiegelarbeit und eine ganz simple Übung, die ich hier für euch zusammengefasst habe.

Annehmen

Das letzte Level der Magersucht-Recovery: das Annehmen. Es geht einher mit dem Akzeptieren, geschieht aber auf eine viel selbstverständlichere Art und Weise.

Ich muss nicht mehr dafür sorgen, dass ich mich liebe. Ich tue es einfach. Aus tiefstem Herzen. Ganz automatisch.

Wenn ich vor den Spiegel trete, weiß ich, dass ich mehr bin als ich sehe. Und das, was ich sehe, nehme ich ebenfalls als das Meine an. Außen- und Innenwelt stimmen miteinander überein.

Ich setze mich nicht mehr unter Druck, unbedingt ins Fitnessstudio gehen zu müssen. Ich mache mir keine Vorwürfe, wenn ich vielleicht doch einmal zum Oreo gegriffen und mich nicht clean ernährt habe.

Auch wenn ich nach wie vor auf meine Gesundheit und Fitness achte, sehe ich alles etwas lockerer: Im Gym trifft man mich so drei Mal die Woche an. Yoga ist mein erdender Ausgleich. Und wenn ich einen Tag auf der Couch verbringe, genieße ich ihn.

Dieses Level fühlt sich nicht mehr wie ein Kampf an, sondern wie pures Glück und Vollkommenheit. Ich habe gesiegt. Und darf nun jeden Tag meinen Gewinn begutachten: ein Leben voll Selbstliebe und Dankbarkeit.

2 Kommentare

  • Meli

    Liebe Tabea!

    Das ist für mich dein absolut ehrlichster und tiefgründigster Bericht zu dem Thema Essstörung.
    Das Bild mit dem Controller passt auch super dazu!
    Ich höre mich auch diesen Satz sagen: „ ich mach doch nur Sport und esse gesund, ich tue meinem Körper doch nichts Schlechtes!“ und genau da ist es wichtig, die Wahrheit zu erkennen. Auch der Teil mit der „neuen“ Sucht ist leider so wahr…
    Danke für deine Offenheit und dadurch deine Hilfe 🙏

    • Tabea

      Liebe Meli,

      danke für deine wundervollen Worte. Ich bin dir dankbar für jedes einzelne! 🙂

      Ich habe den Blogpost extrem gerne geschrieben, weil ich mich dadurch so gut selber reflektieren konnte und mir mein Weg so viel bewusster geworden ist. Schreiben ist für mich immer ein Stück Therapie, aber mich hier so zu öffnen, war wirklich eine Wohltat.

      Also nochmals großen Dank, dass du meine Ehrlichkeit immer mit solch offenen Armen empfängst.

      Ich drücke dich!
      xx, Tabea

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