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Identitätsfindung: Wer bin ich eigentlich ohne Magersucht?

Ich weiß noch ganz genau, wie ich während meiner Recovery große Angst davor hatte, dass meine Magersucht meine Persönlichkeit völlig verschlungen hat.

Ich saß in meinem Rollstuhl in der Klinik, schaute auf meine viel zu dünnen Oberschenkel und hatte plötzlich schreckliche Panik, dass von mir nichts mehr übrig ist. (Und ich meine nicht nur von meinem Körper.) Ich fragte mich: “Wer bin ich eigentlich, wenn ich diese ganze Sche**e hinter mir habe? Wer bin ich ohne meine Magersucht?”

Es machte mich so unsicher, nicht zu wissen, wer ich wohl sein würde, hätte ich meine Essstörung erst einmal aufgegeben, dass ich fast gewollt war, einfach aufzugeben und nicht gegen sie anzukämpfen.

Also überlegte ich: Wie würde ich mich aktuell einer fremden Person vorstellen?

“Hi, ich bin Tabea. Ich gehe jeden Abend joggen (würde ich momentan nicht im Rollstuhl in der Klinik sitzen), weiß genau wie viele Kalorien ich heute gegessen habe und frage mich gerade, was morgen wohl für ein Gewicht auf meiner Waage steht.”

Toll, das war wohl nichts. Das war ja wohl essgestört hoch zehn! Gab es da nicht mehr in meinem Kopf? Ich mein, mit was beschäftigte ich mich den ganzen Tag?

Wenn im Kopf kein Platz mehr für das Selbst ist

Doch leider war da wirklich nicht mehr viel. Meine Gedanken kreisten zum größten Teil ums Essen, um Kalorien (wie viele ich wohl gegessen aber auch wieder verbrannt hatte) und um mein Gewicht. Außerdem plagte mich ein Bewegungsdrang, der – obwohl der Begriff damit eigentlich nichts zu tun hat – alles andere aus meinem Hirn verdrängte.

Aus euren Nachrichten, die mich via Instagram & Co. erreichen, weiß ich, dass es euch teilweise genauso ergeht wie mir damals. Und ich glaube, dass es auch völlig normal ist, dass diese existenzielle Frage während einer Magersucht Recovery aufkommt. Schließlich geht es um eure/meine/deine Lebensgrundlage.

Nur leider kann ich euch meist keine Antwort darauf geben, wer ihr ohne Magersucht sein werdet. Dafür kenne ich euch oftmals zu schlecht.
Ich kann euch aber einen Weg zeigen, der euch aus der Identitätskrise herausführt. Nämlich jenen, den ich damals selber beschritten habe:

Nachdem mir also bewusst wurde, dass in meinem Kopf aktuell anscheinend kein Platz für meine Persönlichkeit war, packte mich A) der Wille, hier mächtig aufzuräumen und B) das Bedürfnis, mich an mein “altes Ich” zu erinnern.

Ich stellte mir also die Gegenfrage: “Wer war ich eigentlich vor meiner Magersucht? Wie hätte ich mich vorgestellt, bevor ich krank wurde?”

“Hi, ich bin Tabea. Ich liebe es, mich mit Freunden zu treffen und mir Kunst anzugucken. Ganz besonders die Werke von Monet und Degas. Außerdem habe ich schon als Kind Ballett getanzt und kann oft nicht anders, als mit der Musik zu gehen. Achja, und dann wäre da noch meine Vorliebe für Mode. Aber nicht einfach weil ich gerne shoppen gehe, sondern weil ich Kleider als ein Artefakt begreife, das soziokulturelle als auch historische Meilensteine wiederspiegelt. Oh wow, ich könnte da Stunden drüber sprechen.”

Das klang doch schon viel besser. Keine Kalorien. Kein Gewicht. Kein Essen.

Im nächsten Schritt überlegte ich, wie ich meinen Charakter in vier Worten beschreiben würde. Kreativ, tolerant, emphatisch, witzig.

Macht mit & findet zu euch zurück

Falls ihr jetzt zu Hause sitzt und meine Worte lest, lade ich euch herzlichst dazu ein, euch selber einmal vorzustellen – also euer “Vor-der-Magersucht-Ich” – und dann ebenfalls zu überlegen, welche Eigenschaften euch ausmachen.

Ihr könnt auch überlegen, ob ihr ein gewisses Talent habt. Für was euch andere schätzen. Wie ihr gerne eure Freizeit gestaltet. Über was ihr euch gerne unterhaltet.

Ihr werdet sehen: Ihr seid viel mehr als eure Magersucht. Ihr habt Persönlichkeit. Ihr müsst euch nicht davor fürchten, wer ihr ohne die Essstörung seid.

So erging es mir damals auf jeden Fall. Ich begriff, wer ich wirklich bin und erkannte, für wen es sich zu kämpfen lohnt. Nämlich jene Tabea, die irgendwo unter der Krankheit verschollen lag und nur darauf wartete, wieder befreit zu werden.

Erfindet euch neu!

Außerdem nutzte ich die Zeit, um mich ein wenig neu zu erfinden. Ich fing an, mich verstärkt in Sachen Feminismus zu bilden, probierte mich an Origami aus und ging – zurück im Übergewicht – zu meinem allerersten Hot-Iron-Kurs.

Was wolltet ihr schon immer mal machen? Gibt es vielleicht Seiten an euch, die ihr noch entdecken wollt? Ich finde zum Beispiel auch sehr cool, dass mir eine wundervolle Followerin kürzlich schrieb, dass sie jetzt an einem Barista-Workshop teilnimmt, den sie schon seit Jahren im Auge hatte.

Freut euch also darauf, wer ihr nach der Recovery sein werdet anstatt euch davor zu fürchten. Ich liebe mein “neues Ich” und all das, was ich jetzt im Kopf habe. Also: Lasst euer altes neues Selbst nicht länger von der Magersucht klein halten!

Um euch noch mehr zu unterstützen, habe ich hier übrigens ein Worksheet kreiert, das euch auf eurem Weg raus aus der Essstörung helfen soll:

PS: In meinen Gesprächen mit euch, stellt ihr oft noch eine weitere Frage: Wie schaffe ich es, gesund zuzunehmen. Hier habe ich dazu einen wundervollen Blogbeitrag geschrieben.

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