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Recovery Diaries: Mein nicht ganz so spizza Start in der Klinik Lüneburger Heide

Es wäre gelogen, wenn ich euch erzählen würde, wie reibungslos & spitze mein „Start“ in der Klinik Lüneburger Heide damals war. Schon meine erste Mahlzeit entpuppte sich als absolute Katastrophe und konfrontierte mich direkt an Tag 1 mit meinem größten Fear Food.

In meiner neuen Serie „Recovery Diaries“ möchte ich euch mit auf eine Reise durch meine Zeit in der Klinik Lüneburger Heide nehmen. Ich werde euch erzählen, wie ich dort lebte, welche Therapien ich bekam, welche wundervolle Freundschaften ich schließen durfte und welche Stolpersteine sich mir in den Weg legten.

Beginnen wir ganz am Anfang!

8. Oktober 2016

Ankunft in der Klinik Lüneburger Heide

Meine Eltern und mein Bruder fuhren mich am Vormittag nach Bad Bevensen, sodass ich pünktlich um 11 Uhr „einchecken“ konnte. Ich wurde herzlichst empfangen, füllte ein paar Bögen aus und verabschiedete mich schließlich unter Tränen von meiner Familie.

Auf meinem Zimmer packte ich meine sieben Sachen und 1.000 Handtaschen aus und fing damit an, mich wenig einzurichten. Auch wenn ich noch nicht zu 100% wusste, wie lange ich hier wohnen würde, konnte ich mir schon denken, dass es mit einer Woche nicht getan war.

Ich teilte mir das Zimmer mit anschließendem Bad mit einer anderen Patientin, hatte jedoch eine hübsche Ecke für mich. Ein Bett, ein Nachtschrank, ein Bücherregal, ein Schreibtisch, ein Sessel und ein Stuhl – das alles „gehörte“ mir und wartete nur darauf, „pinkifiziert“ zu werden.

Das erste Mittagessen in der Klinik

Doch viel Zeit blieb mir nicht, meine rosa Deko zu verteilen. Schließlich gab es – pünktlich um 12 Uhr – Mittagessen im Speisesaal. Mir blieben nur noch fünf Minuten, dann sollte ich zum ersten Mal auf alle anderen Girls stoßen.

Ich war super nervös, weil ich nicht wusste, wie hier alle drauf waren und wie so ein Essen ablief. Gab es wohl Betreuung? Wie sahen so Gerichte aus? Und was gab es heute überhaupt?

Die Antwort wurde mir nur wenige Minuten später auf einem runden Teller serviert: Pizza. Ich musste schlucken.

Seit Jahren hatte ich keine Kohlenhydrate gegessen und heftige Ängste entwickelt. Pizza, Pasta und Co. zählten zu meinen absoluten Fear Foods! Ich wurde panisch, sobald sie auf meinem Teller landeten. Kein Wunder also, dass ich beim Anblick des Vollkornbodens zu zittern begann und sich meine Augen schlagartig mit Tränen füllten.

Ich wippte auf meinem Stuhl hin und her und beobachtete meine Sitznachbarinnen. Wir saßen zu zwölft an einem runden Tisch, der hübsch eingedeckt war. Nach und nach bekamen wir unsere Teller vom Küchenpersonal gereicht. Alle wirkten angespannt. Neben mir wurde sich nervös in den Arm gekniffen. „Frau Spieß, bitte lassen Sie das“, ertönte die Stimme einer Diäti.

Der ganze Speisesaal wurde von einer Handvoll Diätassistenten betreut, die alle Portionen überwachten, Fragen klärten und besonders an meinem Tisch für Beruhigung sorgten.

Das Mädchen neben mir hörte mit dem Kneifen auf, nehm ihre Gabel in die Hand und begann damit, den Belag von der Pizza zu kratzen. Gar keine so schlechte Idee, dachte ich. Mit Käse, Pilzen und Schinken hatte ich ja kein Problem (damals ernährte ich mich noch nicht vegan). Nur den Boden konnte ich nicht essen.

„Den müssen Sie dann aber ausgleichen“, sagte jemand neben mir. Ich wurde von einer Diäti beobachtet. „Ausgleichen?“, fragte ich ohne einen Schimmer, von was sie da sprach.

„Naja, alles was auf ihrem Teller bleibt, müssen Sie mit Fresubin ausgleichen, sodass die Kalorien wieder stimmen“, erklärte sie mir.

Super Deal, überlegte ich. Mit Fresubin hatte ich auch kein Problem. Den Drink aus der Apotheke trank ich schon seit über einem halben Jahr und mochte ihn echt gerne. Und wenn ich mich so vor den Kohlenhydraten drücken konnte, dann gerne, immer her damit!

Nach dem Essen ist vor der Versammlung

Vom Speisesaal ging es direkt weiter in einen der Therapieräume der Klinik. Hier fand jeden Tag um 13 Uhr die große Versammlung – die sogenannte Mittagsgruppe – statt. Im Stuhlkreis saßen alle 60 Patientinnen zusammen und legten reihum ihr Gewicht offen.

Wie jetzt, ich soll hier mein Gewicht laut aussprechen?, schoss es mir durch den Kopf. Was geht die anderen denn an, wie viel ich wiege?! In mir stiegen Wut und Unverständnis auf.

Nachdem die ersten „ihre“ Zahl allerdings total selbstverständlich gesagt hatten und daraus überhaupt kein Drama machten, wurde ich ebenfalls etwas lockerer. Ich begriff: Es war „nur“ eine Zahl. Nichts für das man sich schämen müsste. Nichts auf das man stolz sein konnte. Es waren drei Ziffern mit einem Komma.

„43,1“, sagte ich, als ich an der Reihe war. Es war wirklich einfacher als gedacht – vor allem weil mich dabei niemand von oben bis unten musterte. Niemand warf einen wertenden Blick auf mich. Es war hier völlig normal, dass man über sein Gewicht sprach.

„Damit sind Sie in Stufe 2, Frau Ernst“, erklärte mir die Diäti, die diese Runde anleitete und eben noch neben mir im Speisesaal gestanden hatte.

Stufenweise in Richtung Normalgewicht

In der Klinik Lüneburger Heide werden die Patienten abhängig von ihrem Body Mass Index in vier Stufen unterteilt – angefangen bei Stufe 1. Mit steigendem Gewicht klettert man die Ränge jedoch hinauf und sollte kurz vorm Verlassen der Klinik in Stufe 4 angekommen sein. Also kurz gesagt: Je höher der BMI, umso höher die Stufe.

Diese sagt übrigens aus, welche „Gesetze“ und Lockerungen für einen gelten. Ab Stufe 2 darf man zum Beispiel an der Körpertherapie und am „Stretch & Relax“ teilnehmen. Ab Stufe 3 darf man dann selbst die Klinik verlassen und kurz in die Stadt spazieren. Und ab Stufe 4 darf man in Absprache mit dem Diäti sogar wieder mit dem Sport anfangen.

„Sie haben heute ausgeglichen“, alle Blicke richteten sich auf mich. „Ja?“, murmelte ich. Warum schauten mich denn jetzt alle an. War das hier ein Verbrechen? Mir wurde ganz warm, unter meinem Make-up bekam ich Stressflecken.

„Das heißt, dass Sie vorerst an Tisch 1 bleiben müssen“, erklärte mir die Ernährungstherapeutin. Ich nickte – ohne zu wissen, was sie damit meinte.

Als die Stunde vorbei war, strömten alle aus dem Raum. „Hey“, sagte ein Mädchen neben mir. Ich war noch sitzen geblieben. „Ich bin Kathrin“, strahlte sie mich an. „Du bist heute erst angekommen, richtig?“

„Ja“, antwortete ich und lächelte zurück. „Ich bin auch erst seit zwei Tagen hier, sitze jetzt aber schon an Tisch 2“, erzählte sie mir freudig.

Ich verstand nur Bahnhof. Gab es hier Nummerierungen für die Tische? Mir waren vorhin gar keine Schildchen aufgefallen.

Die „Rang-Ordnung“ im Speisesaal der Klinik

Kathrin musste in meinem Blick erkannt haben, dass ich keine Ahnung hatte, von was sie da gerade sprach. „Naja, jeder startet hier an Tisch 1. Das ist der Tisch, der am meisten betreut wird. Daran sitzen die schwierigsten Fälle. Wenn du dich aber gut anstellst, kannst du bald fragen, ob du an einen anderen Tisch wechseln darfst“, erklärte mir die Blondine. „Und wenn du dich da dann auch nochmal beweist, kannst du irgendwann sogar in den vorderen Teil des Speisesaals“, fuhr sie fort.

Mir war vorhin beim Betreten schon aufgefallen, dass der Saal in zwei Räume unterteilt war. Man musste den ersten durchqueren, um in den hinteren Part zu gelangen.

Jetzt begriff ich: „Hinten“ befanden sich Tisch 1 bis 5. In diesem Teil war die Betreuung noch strenger. Man musste sich zum Beispiel melden, wenn man aufgegessen hatte und durfte erst aufstehen, wenn ein Diäti den leeren Teller gecheckt und abgesegnet hatte.

„Vorne“ war das schon lockerer: Die Tische 6 bis 10 durften später kommen, sich ihr Essen selber nehmen und „einfach“ gehen, sobald sie fertig waren.

„Du solltest echt nicht ausgleichen. Das zählt als essgestörtes Verhalten. Und dann bleibst du auf ewig an dem Tisch“, riet mir Kathrin.

Ich würde hier also doch nicht um die Kohlenhydrate herumkommen, wurde mir klar. Denn eins war ja wohl sicher: Ich wollte irgendwann auch stolz behaupten können, dass ich vorne im Speisesaal saß. Ich wollte diese verdammte Essstörung hinter mir lassen. F**k you, Magersucht, dachte ich und schmiedete einen Plan:

Eine halbe Stunde nach der Mittagsgruppe hatte ich meinen ersten Termin im Diäti-Büro. Hier wurde mein Essensplan festgelegt.

„Was wollen Sie denn zum Frühstück essen“, wurde ich gefragt. Meine Antwort: „Hauptsache etwas mit Kohlenhydraten!“

Ich hatte mir vorgenommen, meiner Magersucht nichts mehr durchgehen zu lassen. Angst vor Carbs? Die sollte sie bekommen. Ich würde ihr schon zeigen, wie ich Brötchen, Nudeln und Kartoffeln aß.

Mein Plan füllte sich also mit Kohlenhydraten aller Art: Brot zum Frühstück, Kartoffelsalat zum Abendessen und Kekse als Nachmittagssnack. Außerdem freute ich mich innerlich schon auf den Tag, an dem es wieder Pizza geben würde. Sollte meine Magersucht doch schreien und sich wehren wie sie wollte. Ich würde den Belag garantiert nicht wieder abkratzen. Ich würde mit vollstem Genuss in ein Stück beißen. Basta. Ach ne, Pizza!

Klinik Lüneburger Heide

*von Oktober 2016 bis Februar 2017 war ich Patientin in der „Klinik Lüneburger Heide“ in Bad Bevensen. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich einen ersten Anlauf im Henriettenstift in Hannover gestartet, diesen jedoch nach acht Wochen abgebrochen. Mein Wunsch war es, nach Bad Bevensen zu gehen, um hier eine gezieltere Behandlung zu erhalten (und schließlich ja auch bekam 🙏🏻)

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