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Essstörung: Ab wann is(s)t man eigentlich gestört?

Magersucht, Bulimie, Binge Eating – so gut wie jeder von uns kann etwas mit diesen Begriffen anfangen. Aber was heißt es eigentlich, eine Essstörung zu haben? Und vor allem: Wie zeigt sich ein krankhaftes Verhalten am Tisch?

Als ich vor kurzem in meine Heimat fuhr, hörte ich im Auto den neuen Podcast von Pamela Reif. Ganz offen und ehrlich redet die Fitness-Influencerin hier über ihr Leben fern von digitaler Dauerpräsenz.

Sie klingt dabei so sympathisch wie bei unserem ersten Kennenlernen. Doch anstatt mit mir über Lippenstifte zu quatschen, klären sie und ihr Bruder Dennis persönliche Fragen und erzählen, was eigentlich hinter ihrer Handylinse passiert.

In Folge 4 lesen sich die Geschwister dann gegenseitig Vorurteile vor, die Pamelas Follower ihnen gegenüber haben. Dennis: “Du isst deine Portionen, die du immer fotografierst nicht auf und hast sowieso eine Essstörung.”

Noch bevor Pamela dazu etwas sagen kann, unterbricht Dennis sie. “Pamela isst mehr als ich”, stellt er klar. “Ja, und vor allem schneller und mehr auf und von allen anderen Tellern noch mit”, ergänzt die 23-Jährige.

“Ich weiß auch gar nicht, was die Definition einer Essstörung ist”, überlegt sie wenig später. Versucht es dann aber doch: “Ich glaube ein Essstörung ist, wenn du denkst, du bist zu dick obwohl du richtig dünn bist und dich dann noch weiter runterhungern möchtest.”

Ich liebe an Pams Podcast, dass sie Begriffe kritisch hinterfragt und kluge Herleitungen bringt. Doch leider ist ihre Erklärung dieses Mal nicht ganz richtig – beziehungsweise nur die halbe Wahrheit.

Denn ja, eine verzerrte Körperwahrnehmung ist zwar ein häufiges Symptom für eine Essstörung, aber halt auch nicht das einzige. Und: Es gilt meist nur in Bezug auf Bulimie und Magersucht. Nicht aber fürs Binge Eating.

Was also verbirgt sich noch alles hinter dem Begriff?

Essstörung – viel mehr als eine Diät

“Essstörungen sind ein Ausdruck von tiefliegenden seelischen Problemen”, erklärt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) auf ihrer Website. Es sind ernst zu nehmende psychosomatische Erkrankungen und alles andere als “Schlankheitsticks” oder vorübergehende Phasen.

Übergreifend kann man sagen, dass Magersucht, Bulimie und Binge Eating von einer schweren Störung des Essverhaltens gekennzeichnet sind. Was das genau bedeutet, unterscheidet sich allerdings von Krankheitsbild zu Krankheitsbild.

Da ich selber von zwei Essstörungen betroffen war und es mir am Herzen liegt, über diese psychischen Krankheiten aufzuklären, möchte ich Pamelas Erklärung vervollständigen und mit euch hinter die Kulissen der Magersucht und Bulimie blicken:

Wann is(s)t man gestört?

Magersucht // Anorexia nervosa

Mit dem Thema Magersucht kenne ich mich leider viel zu gut aus. Zwei Jahre lang hungerte ich mich bis auf die Knochen hinunter und kämpfte schließlich ein Jahr lang gegen diese hartnäckige Krankheit in zwei verschiedenen Kliniken an.

Meine Gedanken kreisten rund um die Uhr ums Essen. Hatte ich auch wirklich nicht zu viel gegessen? War die halbe Paprika tatsächlich okay gewesen? Oder hatte ich damit mein Kalorien-Maximum überschritten? Und wenn ja: Wie konnte ich den Überschuss wieder verbrennen?

Das krankhafte Bedürfnis, Gewicht zu verlieren, die Nahrungsaufnahme zu kontrollieren und Kalorien zu zählen, sind die wohl prägnantesten Merkmale einer Magersucht.

Man is(s)t also gestört, wenn man seine Kalorienzufuhr auf ein Minimum beschränkt, Angst vor gewissen Nahrungsmitteln hegt und sich viele Verbote auferlegt. Hinzu kommen individuelle Ticks.

Mehr als nur hungern und Kalorien zählen

Selber entwickelte ich zwar keine, konnte in der Klinik aber eine ganze Bandbreite dieser eigenartigen Angewohnheiten beobachten: super kleine Bissen nehmen, extrem lange kauen, alles mit der Gabel “vormusen”, jedes Lebensmittel getrennt voneinander essen, in einer ganz gewissen Reihenfolge den Teller leeren, ständig Pausen einlegen und und und.

Ich konnte auch beobachten, wie ein Mädchen ihr Essen immer am Tellerrand “ausquetschte” bevor sie es aß. Oder wie ein anderes ihre Portion erst in exakt(!) gleich große Stücke schnitt, bevor sie mit dem Essen loslegte.

Mit diesen Angewohnheiten hatte ich glücklicherweise nicht zu kämpfen. Dafür musste ich mich nach den Mahlzeiten immer bewegen – in Kliniken auch als “Bewegungsdrang” bezeichnet.

Außerdem wurden Kohlenhydraten zu meinem größten Feind. Entdeckte ich auch nur eine Pasta in meinem Gericht, drehte ich komplett durch. Nudeln wurden zu meinem absoluten Fear Food.

Fear Foods – die “Angstmacher” unter den Lebensmitteln

Viele von euch werden diesen Begriff nicht kennen. Unter Essgestörten ist er jedoch weit verbreitet. Fear Foods sind jene Lebensmittel, vor denen Betroffene panische Angst haben. Sie sind der Meinung, dass zum Beispiel Nüsse sie absolut fett machen werden.

Während sich die Magersucht entwickelt – man hat sie ja nicht von heute auf morgen – kommen immer mehr Lebensmittel hinzu, bis man schließlich eine ganze Fear-Food-Liste hat.

Auf meiner standen neben Pasta auch Brot, Kartoffeln, Süßigkeiten, Äpfel, Bananen und alles, was aus der Fritteuse kam oder eine Panade hatte. Zum Schluss blieb nicht mehr viel übrig. Meine Auswahl beschränkte sich auf ein paar Gemüsesorten, Nüsse, Magerquark und Hüttenkäse.

So zeigte sich meine Angst beim Essen

Wie sich meine Food-Phobie am Tisch zeigte? Also erst einmal vermied ich es, in der Gruppe zu essen – auch ein Anzeichen dafür, dass man gestört is(s)t. Ich zog mich fürs Essen immer zurück und aß am liebsten allein in meiner Wohnung.

Kam es in der Kantine oder bei Familientreffen dann doch einmal dazu, dass ich mit mehreren beisammen saß, versuchte ich mich geschickt um alle Kohlenhydrate herumzuschlängeln. Am Buffett war das einfach. À la carte ging auch noch. (“Kann ich statt der Kartoffeln etwas mehr Gemüse haben? Und können Sie bitte die Sauce weglassen?”). Schwieriger wurde es jedoch, wenn ich eingeladen war. Da wusste ich ja nie, was auf den Tisch kam und im Vorfeld zu “briefen” wäre mir zu auffällig und irgendwie unangenehm gewesen.

Deswegen stocherte ich oft um die Kohlenhydrate herum und ließ sie auf meinem Teller. Dabei wippte ich nervös mit meinen Beinen, zitterte am ganzen Körper und hatte Panik, ein Stück der Kartoffel könnte doch in meinem Mund landen.

Die letzten Monate vor meinem ersten Klinikaufenthalt sagte ich schließlich alle Dinner-Dates mit Freunden ab. Ich hatte mir die Regel auferlegt, nach 12 Uhr mittags nichts mehr zu essen und wollte am Abend nicht vor einem leeren Teller in einer Gruppe sitzen.

Für andere backen während man selber hungert

Das wirklich Paradoxe kommt jetzt jedoch: Auch wenn ich es vermied, mit anderen zu essen, backte ich ständig für meine Familie. Ich kreierte ein Brot nach dem nächsten – ohne jemals davon zu probieren. Kohlenhydrate standen immerhin ganz oben auf meiner No-Go-Liste.

Bei der Arbeit hatte ich zudem immer etwas Schokolade für meine Kollegen dabei. Sobald sie am Nachmittag auf die Suche gingen, zückte ich eine Tafel aus meiner Schreibtischschublade.

Ich wollte damit aber niemanden dicker machen als mich. Das ist ein riesiges Missverständnis, das viele gegenüber Magersüchtigen haben. Ich liebte es einfach, andere zu versorgen. Und insgeheim träumte ich auch davon, ein Stück zart schmelzende Schoki auf der Zunge zu haben. Aber das ging ja nicht. Zucker stand auf Platz 3 meiner Liste.

Und zu guter Letzt: Abführmittel! Man is(s)t definitiv gestört, wenn man mehr Pillen und Tabletten zu sich nimmt als richtige Nahrungsmittel!

Bulimie // Bulimia nervosa

Bevor ich in die Magersucht rutschte, litt ich ein paar Monate lang an einer Bulimie. (Darüber habe ich in diesem Blogpost berichtet.)

Hauptsymptom dieser psychischen Erkrankung sind laut BzgA “regelmäßige Essanfälle bei denen Betroffene innerhalb kurzer Zeit deutlich mehr als die meisten Menschen in einer vergleichbaren Situation essen”. Anschließend wird aktiv das Erbrechen herbeigeführt. Daher spricht man bei einer Bulimie auch von einer Ess-Brech-Sucht.

Die Bulimie empfinde ich bis heute als die tückischste. Sie ist die “Unsichtbare” unter den Essstörungen. Während man den Betroffenen eine Mager- oder Fresssucht früher oder später ansieht, spielt sie sich im Verborgenen ab. Meist geht sie nämlich mit keiner signifikanten Zu- oder Abnahme einher und wird still und heimlich im Klo heruntergespült.

Ich erinnere mich nur ungern an die Zeit, in der ich mich im Badezimmer eingeschlossen habe. Auf diese Momente möchte ich hier aber auch gar nicht eingehen. Mir ist es viel wichtiger jene Anzeichen aufzudecken, die sich fern von der Kloschüssel abzeichnen.

Lieber gar nichts als zu viel

Wenn ich abends mit Freunden zusammen war, machte ich meist einen großen Bogen ums Essen. Ich hatte Angst davor, ich würde mich nicht “zusammenreißen” können und vor ihnen die Kontrolle verlieren. Lieber aß ich nichts als zu viel.

Oder aber ich entschied mich für genau das Gegenteil und versteckte meinen Essanfall hinter betont viel Herumgealber. “Hahaha, schaut mal, wie viel ich esse” oder “Ich nehme dann mal meinen 30ten Nachschlag” machten mich zum Lacher des Abends. Niemand ahnte, dass hinter meiner witzigen “Vielfraß-Fassade” eine schlimme Störung verborgen lag.

Sonst blieb mein Verhalten am Tisch jedoch relativ normal. Ich entwickelte weder Zwänge noch verspürte ich einen Bewegungsdrang. Man konnte mir die Bulimie nach außen also nicht ansehen.

Hätte man in meinen Kopf blicken können, hätte das schon ganz anders ausgesehen. Hier tobte ein wahrer Gedankensturm. Ständig dachte ich ans Essen. Immer und immer wieder verspürte ich den Drang, die Leere in mir mit möglichst viel Süßem zu stopfen. Und ja, da war auch das Verlangen, mich – sorry – auszukotzen.

Hungrig, satt, ganz egal

Damals war es für mich eine Art der Befriedigung. Heute weiß ich, dass es gestört ist, regelmäßig über seinen Hunger hinaus zu essen und alle Sättigungsgefühle des Körpers auszublenden.

Außerdem weiß ich mittlerweile auch, wie sich das Gegenteil – also Hunger – anfühlt. Während meiner bulimischen Phase habe ich darauf nämlich auch nie gehört. Ich aß, wann immer mich der Drang dazu überkam.

Der größte Teil meiner Bulimie spielte sich also in meiner Wohnung, “im stillen Kämmerchen” ab. Nach und nach zeigten sich allerdings ein paar körperliche Symptome, die auch andere bemerkten: Wassereinlagerungen, Mundgeruch, eingerissene Mundwinkel und aufgequollene Wangen.

Natürlich hat nicht jeder Mensch mit spröden Lippen eine Bulimie. Aber ich möchte damit auf die kleinen Anzeichen hinweisen und verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass wir unseren Freunden und Bekannten gegenüber feinfühlig bleiben.

So individuell wie der jeweilige Charakter

Jede Essstörung ist unterschiedlich ausgeprägt. Bei jedem zeigt sie sich anders. Daher gibt es auch die unterschiedlichsten Symptome und Formen. Ich konnte hier nur von meinen eigenen Erfahrungen erzählen und euch Einblicke geben.

Vom Binge Eating kann ich zum Beispiel gar nichts berichten. Das soll aber lange nicht heißen, dass sie nicht genauso erwähnenswert wie die anderen Essstörungen ist. Im Gegenteil: Bis heute habe ich das Gefühl, dass die Fresssucht von den wenigsten als eine psychischen Erkrankung angesehen, sondern einfach als “Die hat sich halt nicht unter Kontrolle” abgestempelt wird. Dabei ist sie ebenso Ausdruck einer kranken Seele wie es eine Magersucht als auch eine Bulimie ist.

Das “Schöne” daran: Man kann all diese Seelen wieder fixen. Essstörungen können geheilt werden. Ich spreche da aus Erfahrung. 🙏🏻

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