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20 Kilo Gewichtszunahme – eine Frage der Kontrolle

Vor gut einem Monat entschied ich spontan, mich zu wiegen.
Ich hatte mich in der Umkleide meines Fitnessstudios gerade in meine Sportkleidung geschmissen, da viel mein Blick auf die Waage, auf der ich zuletzt im August letzten Jahres gestanden hatte.

Mit den Worten meiner Therapeutin in den Ohren, ich solle ihr bei Gelegenheit doch mal wieder mein aktuelles Gewicht mitteilen, ging ich auf dieses hässliche Gerät zu.

Ich hatte keine Ahnung, welches Gewicht mich wohl erwarten würde. Und wenn ich ganz ehrlich bin, war mir das auch völlig egal. Bereits vor über einem Jahr habe ich mich davon frei gemacht, mein Leben von Zahlen bestimmen zu lassen.

Doch meine Psychologin hatte absolut recht. Es war mal wieder an der Zeit, den momentanen Stand zu überprüfen. Schließlich war meine Abnahme im letzten Sommer Thema in unseren Sitzungen gewesen und ich hatte versprochen, ihr immer mal wieder Updates zu geben.

Zur Erinnerung: Nachdem ich im letzten Jahr eine extreme Mono-Diät aufgrund meiner Histaminintoleranz halten musste und dann auch noch Magen-Darm bekam, war mein Gewicht wieder unter 50 Kilogramm und damit auch deutlich unter die Anorexiegrenze gerutscht.

Ich hatte mir vorgenommen, wieder zuzunehmen, meine Therapeutin und euch auf dem Laufenden zu halten und meinen Weg zu dokumentieren.

Doch noch während ich meine “Zunahmepläne”austüftelte, ging es für mich erst einmal nach Bali und zurück in Deutschland direkt in die nächsten Abenteuer. Wo ich jedoch nie landete: auf der Waage.

Ich hatte auf Bali zugenommen. Das sah ich – und auch Freunde & Familie – mir an. Deswegen verspürte ich nach meiner Rückkehr nicht mehr die Notwendigkeit, mein Gewicht zu kontrollieren.

Doch nun, Ende Februar ,war es so weit. Ich stieg auf die Waage. Und BADABÄNG – auf der Anzeige erschien eine 57,2.

Ich konnte mein Glück kaum fassen. So viel hatte ich ewig nicht gewogen. Nicht einmal bei meiner Entlassung aus der Klinik. Ich war nun fast 20 Kilo schwerer und glücklicher als zu meinen abgemagertsten Zeiten. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich war einfach so happy.

Noch mehr als über die bloße Zahl konnte ich mich jedoch darüber freuen, mit welcher Begeisterung ich sie aufnahm. Vor wenigen Jahren noch brachte mich jedes Gramm aus dem Gleichgewicht. Sobald ich ein kleines Bisschen zugenommen hatte, hasste ich mich. Ich hasste mich für meine vermeintliche mentale Schwäche. Ich hasste meinen Körper. Ich hasste einfach alles an mir.

Doch nun war alles anders. Meine Zunahme fühlte sich nicht wie ein Versagen an, sondern wie der größte Triumph meines Lebens.

Und genau hier erkenne ich auch eine der größten Ursachen einer Magersucht: das Gefühl der Kontrolle, des Schaffens, des “etwas Erreichens”.

Denn genau so fühlte ich mich damals immer, wenn ich morgens auf die Waage stieg und die Zahl noch geringer war als am Vortag. “Wow, gut gemacht. Schau, was du geschafft hast”, sagte mir meine Magersucht-Stimme. Sobald die Zahl jedoch stagnierte oder sogar höher war, machte sie mich jedoch runter: “Was kannst du überhaupt, wenn noch nicht einmal abnehmen?”

Also reduzierte ich mein Essen mehr und mehr und klar, mein Körper wurde immer schwächer, aber innerlich fühlte ich mich unglaublich stark. Ein Teufelskreis.

Ich meinte, die Kontrolle über mich und meinen Körper zu haben. Ich kontrollierte mein Essen. Ich kontrollierte alle Nährwerte. Ich kontrollierte mein Gewicht. Und merkte dabei nicht, dass es gar nicht mehr ich war, die hier die Zügel in der Hand hatte.

Nicht ich hatte die Kontrolle über mich, sondern meine Magersucht.

Diese Einsicht kam jedoch erst, als ich bereits im Rollstuhl saß und das Leben mehr und mehr aus meinem Körper wich. Wenn ich doch alles so toll unter Kontrolle hatte, wie konnte es dann sein, dass mich eine Krankheit gerade in den Tod trieb?!

Ich war nicht in der Kontrolle, sondern kontrolliert außer Kontrolle.

Aber warum war mir das überhaupt so wichtig? Ich war vor der Magersucht doch nie der Kontroll-Freak gewesen!

Nun, ich wurde zu einem Zeitpunkt krank, an dem sich alles um mich herum veränderte. Mein bester Freund und Mitbewohner zog weg, mein Studium neigte sich dem Ende zu und es löste sich damit nicht nur meine WG sondern irgendwie auch meine Uni-Clique auf.

In meinem Unterbewusstsein schrillten die Alarmglocken. “Du verlierst gerade ALLES und du kannst NICHTS dagegen tun.”

Ich ging also auf die Suche nach einer Wohnung, nach einem Job, nach einer Identität. Ich suchte nach Halt.

Tja, und fand diesen paradoxerweise in einer Krankheit, die vorgaugelte, mir etwas von dem zurückzugeben, was mir fehlte, obwohl sie mir in Wahrheit eigentlich alles nahm.

Mit der Magersucht an meiner Seite hatte ich etwas wieder, das nur mir gehörte und das mir niemand entreißen konnte. Es gab mir ein Gefühl der Sicherheit, der Stabilität. Auch wenn all das, was um mich herum passierte, nicht in meiner Macht stand, hatte ich die Zügel doch wieder fest in der Hand. Und galoppierte direkt in eine Essstörung hinein.

Ganz besonders in dem letzten halben Jahr – eigentlich seitdem ich gekündigt und mich auf den Weg nach Bali gemacht habe – habe ich begriffen, was es wirklich bedeutet, innere Stabilität zu empfinden.

Ich mein, Job kündigen, ins Ungewisse fliegen und im Gepäck nicht mehr als ein paar Visionen haben, ist nicht unbedingt das, was man eigentlich unter “sicheres Leben” versteht. Aber genau in dieser Zeit habe ich gelernt, dass innere Sicherheit kaum etwas mit äußeren Lebensumständen zu tun hat. Es kommt viel mehr darauf an, ganz bei sich selbst anzukommen und Vertrauen zu sich und dem Universum aufzubauen.

Meinen Halt finde ich heute bei mir. Ich muss mich an keine Zahl mehr klammern. Ich muss kein unterirdisches Gewicht mehr “schaffen”, um mir selber zu beweisen, welch Kontrolle ich über mein Leben habe.

Kontrolle bedeutet für mich heute, mein eigenes Regiment aus Selbstliebe, Urvertrauen und Glück zu führen. Und ich muss euch sagen: Ich bin damit erfüllter denn je.

xx, eure Tabea

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