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Magersucht: Nicht das Gewicht ist das Problem!

Ich bin aktuell im Austausch mit Jessica*, einer starken, jungen Frau, die sich seit einer Woche in einer Klinik befindet und dort ganz tapfer gegen ihre Magersucht kämpft.

Im September hatte sie mir auf Instagram geschrieben. Wir kamen schnell in ein Gespräch. Und irgendwie entwickelte sich so etwas wie eine „Brieffreundschaft“ – nur eben digital.

Wir schreiben über unsere Gefühle, tauschen uns über die Krankheit aus und geben immer wieder Updates, was in unserem Leben gerade passiert.

Heute morgen erreichte mich eine Nachricht von ihr, die mich in meine Vergangenheit reisen ließ. „Ich fühle mich ziemlich verloren & komme mit dem Zunehmen bzw. dem Aushalten schwer zurecht“, hatte sie mir geschrieben.

Ich erinnerte mich daran zurück, wie ich vor drei Jahren jeden zweiten Morgen in der Klinik aufstand, schnell zur Toilette ging und mich dann – in Kuscheldecke und Pyjama – auf zum Wiegen machte.

Auf dem Weg streiteten sich in meinem Kopf anfangs immer zwei Stimmen. „Bitte, bitte, lass die Zahl nach oben gegangen sein.“ „Oh Gott, bloß nicht! Hoffentlich habe ich keinen Gramm zugenommen.“

Die Magersucht zerriss mich innerlich. Einerseits wollte ich unbedingt gesund werden und wieder ein glückliches Leben führen. Andererseits war ich noch so besessen von der Krankheit, dass ich sie auf perfide Art und Weise nicht gehen lassen wollte und an ihr festhielt.

Vor dem Raum, in dem gewogen wurde, warteten meist schon die anderen Mädels und Frauen. Nach und nach wurden wir von den Schwestern hereingerufen.

Die Stimmung war angespannt, ja fast schon erdrückend. Doch ganz besonders wenn sich die Tür öffnete, konnte man spüren, mit welcher Gewalt die Magersucht hier tobte. Viele verließen weinend das Zimmer. Andere flüchteten fluchend. Es war erschreckend, wie eine bloße Zahl so wundervolle Wesen beeinflussen konnte.

In den ersten drei Wochen fiel es auch mir schwer, die Zunahme zuzulassen. Ich klammerte unerbittlich an meiner Magersucht fest. Jedes Gramm war zu viel. Ich war zu viel.

Heute wünschte ich mir, ich hätte damals schon begriffen, dass ich eigentlich gar kein Problem mit irgendeiner Zahl hatte. Es geht bei (d)einer Magersucht nicht ums Gewicht!

Genau das schrieb ich heute Morgen auch meiner Brieffreundin zurück. „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass es nicht das Zunehmen ist, das du nicht erträgst?!“, fragte ich sie. „Beim Aushalten geht es nicht um einen einzigen Gramm. Mit deinem Gewicht bist du völlig okay“, tippte ich in mein Handy.

Und das meine ich auch ernsthaft so. Wer es nicht ertragen kann, zuzunehmen, der kann in Wirklichkeit etwas anderes nicht ausstehen. Er missbraucht seinen ausgemergelten Körper lediglich für etwas, das tief in seiner Psyche stattfindet.

Deswegen bat ich Jessica auch darum, einmal zu überlegen, was es wirklich ist, das sie nicht aushalten kann.

Viele Frauen, die an einer Magersucht leiden, haben zum Beispiel das Gefühl, sie seien es nicht wert, glücklich und gesund zu sein. Bei anderen ist der viel zu dünne Körper wiederum ein Hilferuf, ein Appell an ihre Familien, endlich gesehen zu werden. Oft dient das Untergewicht aber auch als eine Art Schutz.

Bei mir war letzteres unter anderem der Fall. Bevor ich in die Krankheit geriet, hatte ich einen ziemlich weiblichen Körper – mit Hüften und Brüsten und allem, was dazu gehört. Eigentlich fühlte ich mich relativ wohl in ihm, doch dann hatte ich einen Vorfall, der mir unterbewusst zusetzte.

Ich war am Feiern, tanzte glücklich durch den Club und hatte – das merkte ich plötzlich – ein bisschen zu viel getrunken. Deswegen sprach ich den Barkeeper an, ob es in der Küche noch etwas zu essen gab. Ich wollte mit ein paar Stücken trockenem Brot den Alkohol „aufsaugen“.

Er war super freundlich zu mir, bat mich nach hinten und versicherte mir, er würde mir helfen. Doch sobald die Tür der Küche geschlossen war, begann er damit, mich zu begrabschen und mir unter den Rock zu gehen. Meine Worte, er solle damit sofort stoppen, überhörte er.

Glücklicherweise konnte ich ihn noch von mir wegschubsen und lief in den Club zurück. Es passierte nichts Schlimmeres. Aber all das hatte schon gereicht, um einen Bruch zwischen mich und meine Weiblichkeit zu bringen. Ich wollte diese Brüste nicht mehr. Ich wollte diese Rundungen nicht mehr. Nie wieder wollte ich so begrabscht werden.

Mein absolut heruntergehungerter Körper war schließlich also mein Schutzschild. Denn wo nur Knochen waren, da waren keine weiblichen Formen mehr. Ich musste ganz sicher nicht befürchten, als Sexobjekt betrachtet zu werden.

(An dieser Stelle liegt es mir an meinem feministischen Herzen, unbedingt noch einmal zu erwähnen, dass weibliche Kurven auch in ihrem „normalen Zustand“ natürlich keine Einladung sind, eine Frau ohne Einverständnis zu betouchen. Jede darf über sich und ihren Körper entscheiden und sich so präsentieren, wie sie sich am wohlsten fühlt. Es ist das Recht einer jeden Frau, ihre Weiblichkeit in vollen Zügen zu leben, ohne Angst haben zu müssen, als Objekt abgestempelt zu werden!)

Zurück zum eigentlichen Text: Was ich mit meinem Beispiel verdeutlichen möchte ist, dass der Kampf mit dem Gewicht eigentlich ein Kampf gegen etwas ganz anderes ist. Das tieferliegende psychische Problem wird lediglich auf die Zahl bzw. den Körper projiziert.

Hätte mir damals jemand genau diesen Satz gesagt, „Es ist nicht die Zunahme, die du nicht erträgst“ und mir den Rat gegeben, ich solle tiefer – „unter die Zahl“ – graben, ich wäre sicherlich mit einem ganz anderen Gefühl zum Wiegen gegangen.

PS: Nach etwa drei Wochen hatte ich mich damals übrigens mit dem steigenden Gewicht angefreundet. Je mehr Kilos ich auf den Hüften hatte, umso leichter konnte ich damit umgehen. Nach und nach sah ich in der Zahl keinen Feind mehr, sondern meinen Helfer, der mich zum Glück zurückführte.

Noch mehr „Recovery Tipps“ habe ich übrigens hier für euch aufgeschrieben.

*Name geändert

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