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EMDR: Meine Erfahrung mit der Trauma-Therapie

Im Juni las ich in meinem liebsten Buch „Die neue Medizin der Emotionen“ über EMDR. Und dachte gleich so: „Wow, das möchte ich mal probieren.“

Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass meine Psychologin diese Methode beherrscht und war völlig aus dem Häuschen, als sie mich jetzt fragte, ob wir uns da mal heranwagen wollten.

Mein „JAAAAA, unbedingt“ kam so euphorisch und schnell aus mir heraus, dass mich Frau Funke* leicht überrascht anblickte. „Sie kennen die Methode also?“, fragte sie mich. „Das ist doch das mit den Augen, oder nicht?“, stellte ich die Gegenfrage, die gleichzeitig auch Antwort war.

Falls ihr jetzt nicht wisst, was „das mit den Augen“ – in Fachbüchern EMDR genannt – ist, dem erkläre ich die Methode gerne.

EMDR kommt eigentlich aus der Trauma-Therapie und wurde Ende der 80er-Jahre von der Psychologin Dr. Francine Shapiro entwickelt, die beim hin- und herblicken feststellte, dass Augenbewegungen sie entlasteten.

Sie begann zu forschen, führte Studien durch und behauptete schließlich, dass man emotionale Traumata mit rhythmischen Augenbewegungen auflösen könne. (Deswegen auch der Begriff EMDR – „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ – der im Deutschen so viel bedeutet wie „Desensibilisierung und Neuorientierung durch Augenbewegung“.)

Tatsächlich sollte die Amerikanerin Recht behalten: Bis heute verbuchen Psychologen in Untersuchungen und Praxen unglaubliche Erfolge mit dieser Methode. Sie scheint Symptome des posttraumatischen Stresssyndroms einfach auszuradieren.

Wer sich jetzt fragt, „Aber Tabea hat doch gar kein Trauma?! Warum ist sie so scharf auf EMDR?!“, den möchte ich dafür sensibilisieren, dass uns ALLEN im Laufe unseres Lebens „kleine“ Traumata widerfahren. Uns allen ist in unserer Kindheit, Jugend oder im höheren Alter etwas zugestoßen, das emotionale Narben hinterlassen hat.

Dennoch entwickeln wir meist keine gravierende posttraumatische Störung. Wir stecken den Vorfall einfach weg. Darum kümmert sich unser Nervensystem, das sich lediglich die „Lektion“ herauspickt und alle anderen Gefühle und Gedanken in den folgenden Tagen aus unserem Hirn kickt.

Ein Beispiel: Als Kind habe ich mich mit dem Fahrrad einmal so richtig auf die Schnauze gelegt. Aber so richtig richtig. Ich hatte beim Fahren wild umher geschaut, die Kontrolle über mein Rad verloren und schlitterte schließlich so über den Schotter, dass ich mir meine Knie und Handflächen komplett aufriss. (Bis heute habe ich davon noch immer Narben an meinen Knien.)

In der darauf folgenden Woche traute ich mich nicht mehr aufs Rad. Doch kaum waren meine Wunden verheilt, schwang ich mich wieder auf den Sattel. Ich hatte meine Angst überwunden, der Schreck hatte nachgelassen. Eines war jedoch hängen geblieben: Von nun an schaute ich immer nach vorne und konzentrierte mich auf den Weg, anstatt meinen Blick umherschweifen zu lassen. Ich hatte meine Lektion gelernt.

Ein „Fahrrad-Trauma“ musste ich in meiner EMDR-Sitzung nun also nicht behandeln lassen. Vielmehr wollte ich an meine negativen Glaubenssätze herangehen, mit denen ich momentan wieder viel zu kämpfen habe. „Ich darf keine Fehler machen. Ich muss perfekt sein. Nur wer keine Fehler macht, wird geliebt.“ Dieses – ich nenne es mal – Gedankengut trage ich schon seit Jahren in mir. Ich weiß auch, dass es nicht stimmt und kann ganz reflektiert darüber schreiben (wie zum Beispiel in diesem Blogpost), aber es holt mich immer und immer wieder ein.

Damit sollte dank EMDR nun Schluss sein.

Die Methode heilt nämlich nicht nur Symptome des posttraumatischen Stresssyndroms, sondern wird mittlerweile für eine viel größere Bandbreite an psychischen Störungen angewandt. So auch bei belastenden Überzeugungen, wie ich sie mit „Wenn ich Fehler mache, werde ich nicht geliebt“ habe.

Schmerzliche Ereignisse oder Bemerkungen, die „traumatisierend“ wirken, sind der Theorie zufolge Informationen, die nicht verdaut, sondern im Nervensystem in ihrer ursprünglichen Gestalt festgehalten werden. Bilder, Gedanken, Gefühle und körperliche Empfindungen sind dann in unserem emotionalen Gehirn verankert und von unserem rationalen Denken völlig abgeschnitten. Sie sind wie ein kleines Paket unverarbeiteter Informationen, das sich immer wieder öffnet, sobald uns etwas an das ursprüngliche Trauma erinnert.

Ich weiß zwar nicht, wo mein Glaubenssatz seinen Ursprung nimmt, aber ich konnte meiner Psychologin genau sagen, in welcher Situation sich mein Päckchen zuletzt besonders schnell geöffnet hatte.

Diese Situation war letzten Montag unsere Ausgangslage, als sie mir kleine Elektroden in die Hand gab, die abwechselnd vibrieren. Anstatt ihren Zeigefinger vor meinen Augen hin und her zu bewegen, so wie es Dr. Francine Shapiro ursprünglich andachte, arbeitet sie nämlich mit einem EMDR-Gerät, das über taktile Vibrationen wirkt.

Der Effekt ist der gleiche: Unser Gehirn aktiviert durch die Links-Rechts-Stimulierung seine natürlichen Selbstheilungskräfte, die ihm dabei helfen, das Paket auszupacken und die Informationen vollends zu verarbeiten. Dabei können aus negativen Emotionen und Gedanken sogar positive werden. Sie werden neu verknüpft

Wir begannen also mit der negativen Erfahrungen. Ich schloss meine Augen, die Elektroden summten in meinen Fäusten und ich ging komplett in die Situation hinein, in der mich meine Überzeugung zuletzt völlig aus der Bahn warf.

Ich war wieder auf Bali. Gerade sollte ich zwei meiner Mitschüler durch eine kurze Sequenz führen und machte einen Fehler nach dem nächsten. Ich saß vor ihnen, versuchte eine Pose zu spiegeln und wusste plötzlich nicht mehr, welchen Arm ich nun heben muss. Als mich dann auch noch mein Ausbilder korrigierte, schossen mir die Tränen in die Augen. Sie hassten mich. Alle. Sie hielten mich für dumm. Ich war ein Versager. Und ich war absolut nicht liebenswert – davon war ich überzeugt.

An diesem Gedanken hielt ich nun fest. Die Elektroden vibrierten. Links. Rechts. Links. Rechts. Mir kullerten die Tränen über mein Gesicht. Ich fühlte mich ungeliebt. Ich fühlte mich klein. Alles um mich herum wurde dunkel.

„Atmen Sie einmal tief ein und wieder aus. Und wenn sie fertig sind, öffnen Sie die Augen“, leitete Frau Funke mich an und schaltete die Elektroden ab.

Ich tat, wie sie gesagt hatte und kehrte mit meiner Aufmerksamkeit zurück in die Gegenwart. „Wo waren Sie gerade?“, fragte mich meine Psychologin.
Ich schilderte ihr die Situation, musste ein paar Mal hart schlucken und war nach wenigen Sekunden bereit, in die nächste Sequenz zu gehen.

„Tabea, du musst den anderen Arm heben“, sagte mein Ausbilder. Ich schaute beschämt zu Boden. Es sollte niemand meine Tränen sehen. Außerdem traute ich mich nicht, in die Gesichter der anderen zu schauen. Ich war ja so ein Versager. Sie hassten mich bestimmt.

„Red dir das nicht ein“, mischte sich plötzlich eine liebevolle Stimme aus dem Off ein. „Du bist keine Versagerin. RED DIR DAS NICHT EIN“, wiederholte sie. Hatte mich zuvor noch ganz viel Dunkelheit umgeben, bildete sich nun ein goldener Spalt vor mir, der nach und nach aufriss, je energischer die Stimme sprach. Schließlich stand ich in einem goldenen Raum.

Erneut holte mich Frau Funke zurück in die Realität. Meine Tränen hörten auf zu kullern, plötzlich fühlte ich mich ganz warm eingehüllt. Wir tauschten uns kurz aus, ich versicherte einmal, dass wir weitermachen können und schon stellte meine Therapeutin das EMDR-Gerät wieder ein.

„Red dir das nicht ein. Du bist keine Versagerin“, sprach die Stimme zu mir. Aus dem Gold, das mich umgab, wurde ein Strudel, der sich langsam auf mein Herz zubewegte und nach und nach darin verschwand. Das Gold füllte mein Herz aus. Es begann zu strahlen. Wärme durchzog meinen Körper. Was auch immer gerade passierte, es fühlte sich sehr gut an. „Du machst was falsch“, sagte eine Stimme in mir. Wenige Sekunden später beendete Frau Funke die Sequenz.

Zurück im Raum platzte es direkt aus mir heraus. „Ich habe was falsch gemacht“, sagte ich voller Überzeugung.

Ahja, da hatten wir es also wieder: Das andauernde Gefühl, einen Fehler zu machen. Es war fast schon witzig, dass es genau in diesem Moment aufkam. Ich musste leicht grinsen.

„Wie kommt es, dass Sie etwas in Frage stellen, obwohl es sich für sie gut und richtig anfühlt? Das ist doch paradox“, brachte meine Therapeutin mich zum Nachdenken und schickte mich mit diesem Gedankenanstoß zurück in den EMDR-Prozess. Ich schloss die Augen, die Elektroden nahmen ihren Rhythmus wieder auf.

In den nächsten 30 Minuten entstanden vor meinem inneren Auge Bilder aus meiner Kindheit und Jugend. Mein ganzes Leben spielte sich noch einmal ab. Immer mit kurzen Unterbrechungen von Frau Funke.

Dabei kristallisierte sich langsam heraus, in welcher Zeit mein Glaubenssatz entstanden sein muss. Er wurzelt tatsächlich in meiner Grundschulzeit. Bereits mit sieben Jahren kam erstmals das Gefühl in mir auf, ich müsse etwas ganz besonderes leisten, damit ich gesehen und geliebt werde. Und Fehler zu machen gehörte nun einmal nicht dazu.

Dieses Empfinden der „kleinen Tabea“ muss sich unverarbeitet in meinem emotionalen Hirn verfestigt haben und brachte mich seither immer wieder dazu, unterbewusst einen enormen Leistungsdruck auf mich auszuüben.

Durch die EMDR-Technik schaltete sich nun – 20 Jahre später – auch mein rationales Denken hinzu. Es begann ein Informationsverarbeitungsprozess. Plötzlich blickte ich viel distanzierter auf den Satz, „Ich muss immer perfekt sein.“

In der letzten Sequenz, die ich mit geschlossenen Augen durchlebte, war ich erneut von einem goldenen Raum umgeben.

„Das ist mein Gold“, schreie ich in die Leere. Ich würde es so gerne wieder in mein Herz aufnehmen. „Nene, das musst du dir erst verdienen“, klingt es aus dem Off. Ich mache mich bereit, um „mein Gold“ zu kämpfen. Doch in dem Raum ist kein Gegner. Es steht lediglich ein Spiegel vor mir.

Als ich näher an ihn herantrete, erkenne ich: Ich bin mein Gegner.

Gerade will ich schon zum Schlag ausholen und den Spiegel zertrümmern. Doch dann kommt mir eine andere Idee. Ich öffne meinem Spiegelbild mein Herz. So bleibt ihm ganz anderes übrig, als mir ebenfalls das Herz zu öffnen.

Wir lächeln uns versöhnlich an, als all das Gold in einem Strudel in unsere Herzen strömt. „Ich bin goldrichtig“, sagt mir meine innere Stimme.

Als ich die Augen wieder öffnete, blickte mich Frau Funke ganz erwartungsvoll an. Sie hatte das Lächeln auf meinen Lippen bereits gesehen. „Ich bin goldrichtig“, sagte ich laut und konnte meine eigenen Worte kaum fassen.

Die Situation erinnerte mich an einen Moment, der genau drei Jahre zurücklag. Damals befand ich mich mit meiner Magersucht in der Klinik und sollte in einer Einzelsitzung, „Ich bin gut, so wie ich bin“, sagen. Ich bekam kein Wort raus. Wie sollte ich einen Satz sagen, den ich selbst nicht glaubte und für eine riesige Lüge hielt?! Ich nahm ein paar Anläufe, meine ehemalige Therapeutin nickte mir ermutigend zu. Und trotzdem brachte ich nichts raus.

Umso erstaunlicher fand ich es nun, dass mir dieser Satz, „Ich bin goldrichtig“, von ganz allein gekommen war. Mir kamen vor Freude die Tränen.

In der EMDR-Behandlung gehört es nun dazu, dass man einschätzen soll, wie stimmig sich der neue Gedanke anfühlt. Man muss seine Einschätzung auf einer Skale von 0 (überhaupt nicht stimmig) bis 7 (fühlt sich absolut stimmig an) geben.

„Ich will mal nicht übertreiben“, sagte ich zu Frau Funke. „6.“

Damit wollte sie sich jedoch nicht zufrieden geben. Sie bat mich daher darum, erneut meine Augen zu schließen. Die Elektroden begannen ein letztes Mal in meinen Händen zu vibrieren.

Ich war wieder auf Bali. Vor mir spielte sich genau die gleiche Situation ab wie am Anfang der Stunde. Gerade war ich dabei, meine Mitschüler falsch anzuleiten und verwechselte rechts und links. Mein Ausbilder korrigierte mich. Ich schaute beschämt zu Boden. Jetzt mussten doch eigentlich meine Tränen und negativen Gedanken kommen.

Doch stattdessen hob ich den Kopf. Ja, ich mache Fehler. Und trotzdem bin ich goldrichtig.

„7“, sagte ich und öffnete die Augen.

*Name geändert
Foto: Viktoria Gipp // www.fraugipp.de

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