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Wie wir unseren Perfektionismus (im)perfektionieren

Wie fange ich diesen Blogbeitrag nur an? Etwa mit einer Metapher? Oder mit Erzählungen, in denen ich eigene Erfahrungen schildere?

Minutenlang zerbreche ich mir den Kopf. Denn eins steht für mich fest: Egal, wie ich diesen Text beginne, der Anfang soll perfekt werden. Nein, ich korrigiere. Er MUSS perfekt werden.

Der Druck steigt, die Zeit vergeht. Doch die Worte kommen einfach nicht.

Wieder einmal steht mir mein ewiger Perfektionismus im Weg. Ich lege die Messlatte wieder einmal so hoch, dass sie selbst für einen Olympia-Hochspringer unerreichbar ist. Würde ich Limbo unter ihr hindurchtanzen, ich müsste mich keinen Millimeter nach hinten lehnen.

Maximizer versus Satisficer

Ich gehöre definitiv zu der Gruppe der Maximizer. Also jenem Typ Mensch, der immer und überall das allerbeste aus einer Situation herausholen möchte. Das betrifft Entscheidungen, die eigene Leistung, ja sogar Beziehungen zu anderen. Stets geht es um (Selbst-)Optimierung.

Mit einem „okay“ geben sich Maximizer nicht zufrieden. Es muss doch noch besser gehen.

Anstatt also fröhlich in die Tasten zu hauen und einfach die Worte zu nehmen, die mir als erstes in den Sinn kommen, suche ich weiter. Nach dem einen Knaller-Satz, der euch und mich mehr als nur begeistert.

Ich tippe. Ich lösche. Ich tippe. Ich lösche. Und dann wird mir klar: Diesen einen perfekten Satz gibt es nicht. Ich sollte doch einfach in die Tasten hauen und gucken, was dabei herauskommt. Und siehe da: Ich bin mit meinem Anfang ganz zufrieden.

Willkommen in der Welt der Satisficer! Jener Sorte Mensch, die nicht stundenlang nach „dem Besten“ sucht, sondern die erstbeste Möglichkeit wählt, die erfolgreich zum Ziel führt und sich damit zufrieden gibt.

Tatsächlich wurde bewiesen, dass diese „lockerere“ Herangehensweise glücklicher macht. Satisficer haben im Gegensatz zu Maximizern viel weniger Stress! Sie sind die gelasseneren und fröhlicheren Menschen. Es ist eben nicht unser Perfektionismus, der uns erfüllt.

Wenn es nun also so offensichtlich ist, dass Satisficer ein harmonischeres Leben führen, warum fällt es manchen von uns immer noch so schwer, mit dem Optimieren zu stoppen, wenn man sich damit doch eher unglücklich macht?

Woher kommt der Perfektionismus?

Da hätten wir zum Einen die Angst, etwas zu verpassen. Wer’s mit einem Jugendwort ausdrücken möchte: Wir haben FOMO (Fear Of Missing Out).

Wenn ich im Restaurant sitze, fällt es mir oft schwer, mich für ein Gericht zu entscheiden. Was ist, wenn ich jetzt den Burger wähle, die Buddha Bowl aber viel leckerer wäre?

Und dann hätten wir da noch die Angst, nicht geliebt zu werden. Hier sehe ich persönlich den hauptsächlichen Ursprung des Perfektionismus.

Diese Furcht ist mein größter Stolperstein. Immer und immer wieder. In mir ist nämlich der Glaubenssatz „Nur wenn ich perfekt bin (aussehe/spreche/handle), werde ich geliebt“ verankert. Ich befürchte, abgewiesen zu werden, sobald ich etwas falsch mache.

Rational gesehen weiß ich, dass das Quatsch ist. Aber das ist meinem Unterbewusstsein egal. Es spielt diesen Satz immer und immer wieder ab. „Nur wer perfekt ist, wird geliebt.“, „Mache bloß keinen Fehler, sonst wirst du gehasst.“

Unser Unterbewusstsein ist ein mieser Verräter

Warum sich dieser (Irr-)Glaube so hartnäckig hält? Nun, wir leben zu 90% in unserem Unterbewusstsein. Die meisten unserer Gedanken spielen sich tagtäglich unter der Oberfläche ab. Das ist bei Überlegungen wie „Wie atme ich eigentlich?“ oder „Wie schaffe ich es, zu gehen?“ auch dringend notwendig. Schließlich sollten diese Vorgänge automatisch ablaufen anstatt unser Hirn und unser aktives Bewusstsein komplett zu fluten.

Doch wenn es um tiefliegende, negative Glaubenssätze geht, kann aus diesem (eigentlich positivem) Schutzdamm auch schnell eine bedrohlich hohe Mauer werden, die uns umzingelt und in unseren (Fehl-)Annahmen und unseren Perfektionismus einsperrt.

Trotzdem sind wir dem Ganzen nicht ausgesetzt. Es gibt Wege, die Mauer zu erklimmen und dem Perfektionismus zu entkommen.

Lästiger Perfektionismus adé!

Erst einmal muss man sich seinem Perfektionismus natürlich bewusst werden. Aber ich gehe mal davon aus, dass ihr alle bereits an diesem Punkt steht. Sonst hättet ihr wahrscheinlich gar nicht auf diesen Artikel geklickt und bis hier gelesen. 😇

Gut, ihr wisst also, dass ihr zu der Gruppe der Maximizer gehört und beobachtet in einer Situation, dass ihr auf der Stelle tretet. Dass ihr schon wieder alle Möglichkeiten abwägt. Dass ihr euch unter Druck setzt und denkt, „Das MUSS perfekt werden. Es geht bestimmt NOCH BESSER.“

Stoppt an diesem Punkt. Atmet einmal tief ein und langsam wieder aus. Kommt zur Ruhe. Entspannt.

Und jetzt nehmt euch die Situation vor und schält euer Verhalten einmal wie eine Zwiebel. Warum verhaltet ihr euch so, wie ihr es tut? Welches Gefühl liegt darunter? Und welche Annahme liegt wiederum darunter? Und so weiter…

Lasst uns zusammen Zwiebeln schälen

Während meiner Ausbildung zur Yogalehrerin mussten wir ziemlich zu Beginn zwei unserer Mitschüler unterrichten. Es war eigentlich total simpel und eine entspannte Atmosphäre. Wir alle standen noch am Anfang, alle waren „auf der gleichen Seite“. Und trotzdem steigerte ich mich total in die Aufgabe hinein.

Ich wollte, nein ich DURFTE, auf keinen Fall einen Fehler machen. Ich verkrampfte, mein Herz schlug schneller, ich wurde extrem nervös. Als ich dann auch noch links und rechts verwechselte und meine zwei „Schüler“ falsch anleitete, fing ich fast an zu weinen. Ich schämte mich extrem. Ich fühlte mich miserabel. Alle im Raum hassten mich.

Was war passiert?

Lasst uns zusammen meine „Zwiebel“ pellen: Ich machte also einen (unbedeutenden) Fehler. Was war daran so schlimm? Welcher Gedanke lag darunter?

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„Du darfst keine Fehler machen.“
Wieso dachte ich so? Welcher Gedanke lag darunter?

⬇️
„Die anderen denken, dass du dumm bist.“
Okay, ich weiß doch, dass ich es nicht bin. Was also verbarg sich unter diesem Gedanken?

⬇️
„Wenn man dich für dumm hält, bist du nicht perfekt.“
Aha, da hatten wir ihn also wieder. Den Perfektionismus. Und woher rührte er?

⬇️
„Nur wer perfekt ist, wird geliebt.“
Also doch wieder! Meine ständige Angst, nicht geliebt zu werden, zeigte sich hier also auch.

Ihr könnt diese – ich nenne sie mal – „Zwiebelmethode“ auf jede Situation anwenden. Ziel ist es immer, bis zum Kern vorzudringen. (Ich weiß, Zwiebeln haben keine Kerne, aber ihr wisst schon 😉.)

Nun solltet ihr euch diesen Kerngedanken bewusst machen. Zuvor gehörte er nämlich noch zu den 90 Prozent in eurem Unterbewusstsein. Jetzt habt ihr ihn hervorgelockt, damit die optimale Grundvoraussetzung geschaffen und könnt mit ihm arbeiten.

Konkret bedeutet das, dass ihr versuchen solltet euch selber vom Gegenteil zu überzeugen. In meinem Fall geht es also darum, mir die Annahme „Nur wer perfekt ist, wird geliebt“ mit Beweisen zu widerlegen.

Das schaffe ich, indem ich daraus eine Frage ableite: Haben mich meine Mitmenschen jemals weniger geliebt, nur weil ich in einer Situation nicht perfekt war oder aussah oder gehandelt habe? Ich wüsste nicht! Noch nie hat jemand mit Abneigung auf mich reagiert, nur weil ich einen Mini-Fehler begannen habe.

Beweis Nr. 1. Check. ✔️

Anschließend zähle ich diejenigen Menschen in meinem näheren Umfeld auf, die mich bedingungslos lieben. Da hätten wir meine Eltern, meinen Freund, meine Besties, meine Omis und Opis und und und. Die Liste füllt sich und ich kann die Sache endgültig abhaken.

Beweis Nr. 2. Check. ✔️

Um vom Perfektionismus loszukommen, wenden wir also die Zwiebel-Methode an, machen uns den Kerngedanken darunter bewusst (und ihr werdet bald merken, meist fällt alles auf das Thema Liebe zurück) und versuchen diesen möglichst rational zu widerlegen.

Natürlich dauert es nicht lang, da agieren wir wieder aus unserem Unterbewusstsein heraus. Unsere wundervollen Beweise gehen im Sog des Alltags unter und unsere alten Glaubenssätze schleichen sich – Hand in Hand mit unserem Perfektionismus – zurück in unser Leben.

Trotzdem stehen wir nicht wieder komplett am Anfang. Wir kennen unsere Gedanken. Wir kennen die Methode, sie zu enttarnen. Und wir lernen von Mal zu Mal mehr über uns und wie wir es schaffen, unseren Perfektionismus zu (im)perfektionieren.

Maximizer sein? Nein, danke. Lieber habe ich maximal viel Spaß

Das ging mir auf Bali nicht anders. Hatte ich mich – wie oben erzählt – anfangs noch extrem unter Druck gesetzt, konnte ich der Prüfung (meiner ersten Yogaklasse ever) plötzlich viel entspannter entgegenblicken.

Mir war klar, dass ich sicherlich den ein oder anderen technischen Fehler machen würde. Aber ich war okay damit. Nur weil ich vielleicht links und rechts verwechselte, würde mich niemand weniger lieben. Das hatten ich und meine Mitmenschen mir doch längst bewiesen.

Anstatt also – wie es für Maximizer üblich ist – alles perfekt machen zu wollen, überlegte ich mir, auf was es mir viel mehr ankam, wenn ich meine Stunde gab.

Ich wollte Spaß haben, viel Persönlichkeit einbringen und meine Schüler mit meiner Frohnatur anstecken. Und wenn ich einen Fehler einbaute? Dann machte ich halt einen Witz darüber. Lachen war doch nie verkehrt.

Mit dieser Lockerheit und diesem Vorhaben ging ich in meine Prüfung und kam noch glücklicher heraus. Ich hatte eingesehen:

Spaß zu haben ist viel mehr Wert als makellos zu sein!
… vielleicht steckt ja doch ein Satisficer in mir.

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