Fitness,  Home,  Lifestyle

Yoga wie ich es kannte, ist eigentlich gar kein Yoga

Coole Beats, viele Flows und zum Abschluss nochmal einen Kopfstand – so sahen die meisten Yoga-Kurse aus, die ich im letzten Jahr in Hamburg besuchte. Ich kam in Bewegung, ließ mich von der Musik treiben und nutzte jede Pose für einen extremen Stretch.

Jetzt weiß ich: Das war gar kein Yoga. Das war allerhöchstens Asana. Oder „Tantric Dance“.

Denn Yoga ist im ursprünglichen Sinne eigentlich reine Meditation. Heißt: Still sitzen. Ruhig sein. Fokussieren. Und nicht etwa durch die Posen flow’n. Timberlake im Hintergrund laufen haben und sich mit vielen Bewegungen ablenken.

Ready, steady, don’t go!

Die Augen – vor allem mein drittes – wurde mir jetzt bei meinem Yoga Teacher Training auf Bali geöffnet.

„Im Yoga geht es um Stabilität. Nicht um Flexibilität“, lautete einer der ersten Sätze meines Ausbilders, Octavio Salvado. „Es ist der perfekte Spiegel um zu erkennen, wie stabil wir im Leben sind.“

Oder mit anderen Worten: Wer auf seiner Matte herumhampelt und nicht still sitzt, wird höchstwahrscheinlich ebenso chaotisch durch sein Leben gehen. „Ich bin für Yoga viel zu unflexibel“, könnt ihr also direkt aus eurem Vokabular streichen. Ihr müsst euren Fuß nicht hinter euren Kopf – aber diesen niemals in den Sand – stecken können.

Wer Yoga nämlich richtig „durchziehen“ möchte, wird oft an den Punkt geraten, an dem er die Augen gerne vor der unangenehmen Realität verstecken möchte.

Das erfahre ich gerade am eigenen Leib. In manchen Kursen werde ich plötzlich von Gefühlen überwältigt, von denen ich gar nicht wusste, dass sie in mir schlummerten. Mein Bewusstsein versucht sich dann zu wehren. „Hör doch einfach auf“, sagt es mir.

Der Weg der Erleuchtung

Aber ich setze mich gegen meinen Verstand durch. Mehr noch: Ich heiße all meine Emotionen willkommen und bleibe „im Stuhl“ (das ist diese Pose hier) – auch wenn meine Füße schon kribbeln, mein Körper zittert und die ersten Tränen fließen.

Yoga ist ein Weg. Aber sicherlich keine Flucht. Ich bleibe und ruhe in mir.

Wenn wir richtig praktizieren, bringt uns Yoga auf den Pfad der Erleuchtung. Von diesem Begriff habe ich bis vor wenigen Wochen nicht viel gehalten. Da muss ich ehrlich zu euch sein. Erleuchtung. Was soll das schon sein?

Lange Zeit dachte ich, dass Erleuchtung mit Gott einhergehen muss. Und ja, irgendwie stimmt es ja auch. Es geht schließlich darum, dass man sich als Teil des großen Ganzen erfährt und im Licht – also in Gott – lebt.

Was aber, wenn wir alle Gott sind?

Während des Unterrichts in der letzten Woche erinnerte ich mich diesbezüglich an eine Religionsstunde in der Grundschule zurück. Wir sollten damals Gott malen. Alle kritzelten einen alten Mann mit Bart, der auf einer Wolke sitzt. Ich hingegen zeichnete ein kleines blondes Mädchen (mich) und erklärte, dass ich der Überzeugung bin, dass wir alle Gott sind.

Ich war zu dem Zeitpunkt sechs Jahre alt. Heute kann ich nicht anders, als mich vor meinem 20 Jahre jüngeren Ich zu verbeugen. Das kleine blonde Mädchen hatte längst begriffen, was ich als 26-jährige Frau wieder vergessen hatte.

Wir alle sind bereits erleuchtet

Wer den Begriff „Gott“ nicht gerne benutzt (so wie ich), kann auch einfach von dem höheren Selbst sprechen, dem Teil unseres Verstandes, der absolut frei ist oder von „Isvara“, dem Feld aus unendlichem Wissen, das alles miteinander verbindet – so tuen es zumindest die Yogis.

Wir alle haben dieses Licht in uns. Tief in unserem Inneren. Verborgen unter Schichten aus Erfahrungen, Ängsten, Vorurteilen, Erinnerungen, Gefühlen. Und Yoga hilft uns dabei, wieder zu ihm durchzudringen.

Oder kurz gesagt: Isvara – unser pures Bewusstsein – ist das Ziel. Yoga der Wegweiser.

Wenn uns dieser im ursprünglichen Sinne jedoch auf unsere Matte zum Meditieren bringen soll, warum flowen wir in Klassen dann immer durch so viele Posen?

Yoga = Asana + Pranayama + Meditation

Asanas gehören definitiv auch zur Praxis und tauchen bereits im Yogasutra – verfasst von Patanjali – auf. Sie sind jedoch nur Teil eines großen Ganzen und sollten daher nicht im Fokus einer Yoga-Klasse liegen – so wie es heute leider oft der Fall ist. (Solche Stunden sollte man lieber in „Asana-Klassen“ umbenennen, oder sie durch Atemübungen/Pranayama und viel Meditation ergänzen. Denn sonst bleibt die Verwirrung, was Yoga eigentlich ist groß.)

Was hingegen nicht im Sutra auftaucht, ist das Fließen durch die Übungen. Patanjali sagt eher, dass eine Asana stabil sein muss. Manche Mega-Yogis nehmen zum Beispiel eine Pose ein und halten diese dann für mehrere Stunden. Da fließt nichts, außer vielleicht der Schweiß.

Im Yogasurta steht übrigens auch nicht, dass man seine Pose auf Biegen und Brechen erreichen muss. Im Gegenteil: Wer seine Asana meistern möchte, muss lockerer werden und sich von der Anstrengung befreien.

Anstatt um die Form geht es viel mehr um die Funktion und Wirkung auf unseren Körper, unsere Energien und unseren Verstand.

Und ich kann euch eins sagen: Bei mir wirkt die Praxis gerade extrem. Ich habe zwar schon viele Asana-Klassen besucht, aber jetzt mache ich zum ersten Mal „richtig“ Yoga und fühle den Unterschied sofort.

In diesem Sinne: Namastay with what you already know. Better be open and great things will happen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.