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Bali Diaries: Die ersten Tage meines Yoga Teacher Trainings

27. September 2019

10.30 Uhr: Ich treffe bei „The Practice“ ein. Hier werde ich in den kommenden vier Wochen mein 200h Yoga Teacher Training (YTT) absolvieren. Doch bevor der „ernste“ Teil beginnt, erwartet mich heute eine traditionell balinesische Reinigungszeremonie und anschließend ein Wochenend-Retreat etwas außerhalb von Canggu. (Dazu später mehr!)

Noch bevor der Priester eintrifft (ja, auch Gott kann den verrückten Roller-Verkehr auf Bali nicht lenken), stellen wir uns alle einander vor.

Ich mache das YTT zusammen mit 30 weiteren Teilnehmern, die aus der ganzen Welt eingeflogen sind. Da hätten wir Courtney aus Oregon, Lucie aus Adelaide, Martin aus Kanada, Kaisa aus Estland und tatsächlich sechs weitere Deutsche.

Es ist spannend von jedem zu erfahren, was ihn nach Bali verschlagen hat. Jeder bringt eine andere kurze Geschichte mit. Doch wir alle teilen eins: Das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.

Als sich meine Yogalehrer vorstellen – es sind insgesamt fünf – verstärkt sich dieses Gefühl bei mir noch mehr. Sie alle strahlen etwas aus, für das ich momentan kein Wort finde, das mich aber sofort in ihren Bann zieht. Es ist ein Mix aus Ruhe, Coolness und Transzendenz.

Ich freue mich jetzt schon darauf, von ihnen zu lernen und an ihrer Seite zu wachsen. Ja, ich bin definitiv am richtigen Ort.

Reis und Kokoswasser zum Reinigen

Für die anschließende Reinigung ziehen wir uns alle unseren Sarong an – beziehungsweise werden angezogen. Die Wickeltechnik ist nämlich gar nicht so einfach und der Rock soll ja nicht rutschen 😄😄

Als die Zeremonie beginnt, verstehe ich erst einmal nur Bahnhof, also Balinesisch. Aber ich mir ziemlich sicher, dass der Priester mit seinem indonesischen Singsang die Gaben gesegnet hat, die vor ihm auf kleinen Tabletts aufgebahrt waren. Dazu gehören: Kokosnüsse, viele Früchte, Reis und Blütenblätter.

Nach und nach treten wir nun vor ihn. Jeder einzeln.

Ich würde jetzt gerne erklären, was genau nun passierte. Vor allem aber warum es passierte. Aber ich möchte mit meinem Halbwissen keine falschen Gerüchte in die Welt setzen und beschreibe deswegen lieber nur kurz, wie mir erst etwas Kokoswasser ins Gesicht gespritzt wurde, wie ich es anschließend aus meinen Händen trinken und mir das Gesicht damit waschen musste und wie ich schließlich Reis auf meine Stirn und Kehle geklebt bekommen habe und drei Körner ohne sie zu kauen runterschlucken musste.

Zwei Fakten konnte ich mir allerdings merken: Kokoswasser gilt auf Bali als heilig, da es – wenn es frisch aus der Nuss kommt – unberührt und noch völlig rein ist. Reis hingegen steht für Weisheit.

Ganz zum Abschluss bekomme ich noch ein weißes Baumwollband um mein rechtes Handgelenk gewickelt. Der Reis klebt schon an meiner Stirn, die Blütenblätter in meinem Haar.

Die Zeremonie wird durchgeführt, um Körper und Geist von negativen Gedanken zu reinigen und ihn so aufnahmefähig für positive Energien zu machen. Perfekt also als Vorbereitung für die bevorstehenden Wochen.

Auf zum Silent Retreat

Danach geht es für uns noch immer nicht auf die Yogamatte, sondern erst einmal ins Auto. Es steht über das Wochenende ein Retreat an, das außerhalb der Area stattfindet. Etwas mehr im Landesinneren. Viel ruhiger als das Surfer- und Backpack-Paradis Canggu.

15.00 Uhr: Als wir in unserer Unterkunft ankommen, möchte ich meinen Augen kaum trauen. Es ist einfach nur traumhaft. Die ganze Anlage mit ihren kleinen Holzvillen, den drei Pools, all diesen unglaublichen Holzarbeiten, der Liebe zum Detail und der Bepflanzung macht einfach nur sprachlos.

Die Ethnic Villas sind eine Oase der Ruhe und einfach nur wunderschön.

Dass es mir glatt die Sprache verschlägt, ist aber gar nicht so verkehrt. Das Wochenende werden wir nämlich schweigend verbringen müssen. Nach dem Abendessen heißt es: Mund zu.

Davor haben wir aber noch eine unglaublich beruhigende Yoga-Klasse, ein wirklich leckeres Dinner und ein (mich) sehr berührendes Kirtan.

Ich bin – wie bereits am Vortag – extrem emotional aufgeladen. Bei jeder Gelegenheit kommen mir die Tränen. Ich bin einfach so dankbar, dass ich all diese Momente erleben darf. Wenn ich überlege, an welch magerem Punkt ich vor drei Jahren noch war und dass ich diese wundervolle Welt beinahe verlassen hätte, kann ich gar nicht anders, als vor Freude zu weinen.

Als ich ins Bett steige, bin ich völlig erschöpft und schlafe sofort ein.

28. September 2019

06.30 Uhr: Wir werden von einem Glockengeräusch geweckt. Ich hüpfe schnell unter die Dusche, schlüpfe in mein liebstes Set von alo und mache mich auf den Weg zur ersten Yoga-Stunde des Tages.

Das „wahre“ Yoga – meine erste Stunde bei Octavio

Wer jetzt denkt, dass wir uns hier verbiegen und verrenken, liegt völlig falsch. Das Erste, was wir lernen: Im Yoga geht es um Stabilität. Nicht etwa um Flexibilität. Eigentlich ist Yoga reine Meditation. All die Asanas, die wir heute aus den Studios und von Insta kennen, sind nur schmückendes Beiwerk, das im Laufe der Jahrzehnte hinzugekommen ist.

„Master your mind“, erklärt uns Octavio, der leitende Yogalehrer von The Practice und gleichzeitig unser „Hauptausbilder“.

Doch wie wie beherrscht man seinen Verstand? Tatsächlich durch Meditation – für die es jedoch einiges an Übung benötigt. Zwei Jahre dauert es im Schnitt, bis man stabil in seiner Praxis ist. Warum also noch warten? Wir legen direkt los.

Ich lerne in den kommenden anderthalb Stunden die Drei-Stufen-Atmung kennen. Und OMG, zum ersten Mal gelingt es mir, wirklich tief und fest in meine Meditation zu gleiten. (Wer diese Erfahrung ebenfalls machen möchte, der kann hier eine Anleitung lesen.)

Am Ende der Stunde gibt uns Octavio sechs Fragen mit auf den Weg, die wir uns im Laufe des Tages beantworten sollen.

Meine persönliche Lektion 2019

Nach dem Frühstück (mit frischem Wassermelonensaft! 😍😍) lege ich mich mit meinem Journal an den Pool und lasse mir die Fragen durch den Kopf gehen. Bei einer komme ich jedoch ins Stocken. „In welchen Punkten deines Lebens wartest du darauf, dass man dich rettet?“ Hmmmm…

Ich überlege wirklich lange, bis ich realisiere, dass meine Antwort die wohl größte Lektion ist, die ich in diesem Jahr gelernt habe. Niemand, außer dir ganz allein, kann dich retten. Du bist es, der oder die sich selber aus der Sch***e ziehen und sich davon befreien muss.

Nehmen wir einmal meine Magersucht als Beispiel. Kein Therapeut dieser Welt hätte mich heilen können, hätte ich nicht selber begriffen, dass ich etwas ändern muss.

Bei der Histaminintoleranz war es genau das Gleiche: Natürlich haben mir Bakterien-Kapseln dabei geholfen, meine Darmbakterien zu nähren. Aber ich bin mir auch sicher, dass ich es war, die durch Meditation und Co. ihre Selbstheilungskräfte aktiviert hat.

Bikini-Premiere seit 2012

Nachdem mein Hirn beim Antworten finden warm gelaufen ist, brauche ich eine Abkühlung und springe in den Pool. Ich schwimme ein paar Runden und überlege, wann ich mich das letzte Mal im Bikini gezeigt habe. 2019 nicht. 2018 nicht. 2017 und ganz sicher auch 2016 nicht.

Ich fühlte mich immer so unwohl in meinem Körper, dass ich ihn nicht zeigen wollte. Ich hatte Angst, dass andere mich als zu viel empfinden.

Doch nun ist es anders. Ich schäme mich nicht mehr. Es dürfen gerne alle sehen, dass ich Dehnungsstreifen am Po und eine – ich nenne sie immer – Dino-Wirbelsäule habe.

Als ich aus dem Wasser steige, denke ich zwar kurz darüber nach, was die anderen wohl über meinen Körper denken, aber der Gedanke verfliegt, als sich meine liebevolle innere Stimme meldet, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat. „Alles an dir ist wundervoll.“

Slow Down Yoga

16.00 Uhr: Es steht eine Folgestunde an. Wir machen dort weiter, wo wir am Vortag aufgehört haben. Es geht erneut darum, unseren Parasympathikus zu aktivieren, den Part unseres Nervensystems, der auf die Bremse geht, wenn wir in Stress geraten und für die nötige Ruhe sorgt.

Ich habe in den vergangenen Monaten viel über ihn gelesen. Doch zu lernen, welche Übungen ihn ganz besonders ansprechen und mit welchen einfachen Haltungen ich es schaffen kann, mich „runterzuholen“. Denn ja, ich gebe zu, dass ich mit meinem ewigen Perfektionismus gerne über die Stränge schlage und selten still sitzen kann.

Meine liebste Übung: Viparita Karani, die halbe Kerze. Ihr findet sie hier als zweites und woooow, sie entschleunigt so sehr.

Nach der lehrreichen Stunde, gehen wir alle wieder getrennte Wege. Es ist komisch, kein Wort mit den anderen zu wechseln. Lächeln, nicken, das war’s.

Außen leise, innen laut

Trotzdem ist die Stille keine unangenehme. Im Gegenteil: Ich empfinde sie als sehr wohltuend. Ich merke, dass je ruhiger ich werde, meine innere Stimme umso lauter wird. Und klar, sie spricht teilweise auch die unschöne Wahrheit aus. Aber dafür bin ich ja hier. Ich möchte, dass all der Mist, der sich in mir angesammelt hat, nach oben befördert wird, damit ich mit ihm arbeiten kann.

Die unbequeme Wahrheit ist übrigens auch der Part, der viele von uns daran hindert, meditieren zu wollen oder zu können. Sobald wir ruhig werden, ploppen Geschichten aus der Vergangenheit auf, die wir bisher erfolgreich verdrängt haben. Wir lenken uns im Alltag von ihnen ab. Durch Sport, durch Parties, durch Treffen mit Freunden.

Bloß nicht allein sein. Bloß nicht still sein. Bloß nicht zur Ruhe kommen.

All das passiert beim Silent Retreat. Man ist mit sich. Man kehrt in sich zurück. Und wenn man dann auch noch meditiert und Yoga macht, brodelt es mächtig in einem.

20.00 Uhr: Der letzte Programmpunkt des Tages ist Chanting. Eine Praxis, die ich bisher noch nicht zu meinen Lieblingen zähle. 108 Mal ein und das selber Mantra zu singen, erfüllt mich einfach noch nicht. Trotzdem mache ich mit und freue mich über die Erfahrung. Ich bin aber auch froh, als wir fertig sind und ich ins Bett gehen kann.

In meinem Kopf ist so viel los, dass ich einfach nur noch schlafen möchte. Gute Nacht, liebe Selbstzweifel. Gute Nacht, lieber Verstand. Gute Nacht, all du vieler Mist, der du tief in mir liegst und zu brodeln begonnen hast.

29. September 2019

06.30 Uhr: Die Glocke wird zur ersten Yogaeinheit des Tages geläutet. Octavio erwartet uns wieder in dem Holzpavillon mit Blick auf den Pool (an den ich mich echt gewöhnen könnte).

Mein Ausblick beim Meditieren – sollte ich dann doch einmal blinzeln 😉

Yoga spielt sich nur im Verstand ab

Haben wir am Vortag bereits „Master your mind.“ mit auf den Weg bekommen, geht es heute einen Schritt weiter. Wir sollen unseren Verstand komplett leeren. Wie das geht? Natürlich durch Meditation.

Also sitzen wir still da, während Octavio uns anleitet.

Ich war bis vor wenigen Monaten ehrlich kein Fan vom Meditieren. Mittlerweile habe ich jedoch den Suchtfaktor darin entdeckt. Es beeindruckt mich wirklich, wie sehr wir unsere Gedanken lenken beziehungsweise ausschalten und unseren Geist von unserem Körper trennen können.

Dieser Zustand gefällt mir so besonders, weil ich durch ihn lerne, mich nicht länger mit meinem Körper zu identifizieren. Er ist „nur“ Materie. Ich bin so vieles mehr. Ein Gedanke, der mir während meiner Magersucht sicherlich geholfen hätte.

Nach den anderthalb Stunden ist das Schweigen gebrochen. Wir dürfen wieder sprechen. Dennoch traut sich beim Frühstück kaum jemand, laut zu sprechen. Wir haben uns so an die Stille gewöhnt, dass es einem fast schwer fällt, sie wieder aufzugeben.

Back to real life.

Wir haben noch ein bisschen Freizeit. Danach geht es zurück nach Canggu. Wir haben den Rest des Tages frei. Was in meiner Sprache heißt: Ich habe viel Zeit, vegane Bowls zu essen und geile Shakes zu trinken. Hahaha.

14.00 Uhr: Im „Secret Spot Café“ lasse ich das Wochenende schließlich Revue passieren. Mir wird bewusst: Da kommt einiges auf mich zu. Da kommt einiges in mir hoch. Und ja, ich bin definitiv ready. Die vierwöchige Ausbildung kann beginnen!

Ein Kommentar

  • Gabi u Roland

    Hallo liebe Tabea! Haben uns sehr gefreut über deinen Bericht. Wichtig das es dir gut geht und wir uns gesund Wiedersehen. Wir packen jetzt auch bald unseren Koffer für die große Reise. Eine gute Zeit und viel Erfolg Gabi u Roland

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