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Real Recovery: Meine Tipps im Kampf gegen die Magersucht

Bevor ich in 2016 nach Bad Bevensen in die Klinik Lüneburger Heide ging und mich in den Fängen der Magersucht befand, hoffte ich auf eine tolle Psychologin, die bei mir den Schalter umlegen würde.

Essstörung: AUS.

Ich war der festen Überzeugung, dass die richtige Therapeutin das schon für mich regeln würden. Dass ich einfach nur den richtigen Impuls von außen bräuchte, und zack, würde ich wieder gesund werden.

Doch lasst mich euch eins sagen: Euch kann niemand daraus helfen. Eure Eltern nicht. Eure Freunde nicht. Eure Psychologin nicht.

Nur eine einzige Person kann in euch den Schalter umlegen. Und das seid ihr ganz allein!

Okay, vielleicht ist die Formulierung blöd. Ihr seid natürlich nicht allein! Ihr habt sicherlich ein paar liebenswerte Personen auf eurer Seite. Aber seid euch bewusst darüber, dass es in erster Linie an und in euch liegt, gegen die Essstörung anzukämpfen.

Also wartet nicht auf die Heilung, sondern packt es selber an.

Wie ihr das am besten angeht? Das erzähle ich euch gerne.
Aus meinen eigenen Erfahrungen habe ich wertvolle Tipps abgeleitet, die euch den Weg zur „Real Recovery“ ebnen können.

Eins sollte dabei allen bewusst sein: Natürlich gibt es keine allgemein gültige Anleitung. Die Ratschläge, die ich euch gebe, sind genau das. Ratschläge. Ich möchte euch damit in die richtige Richtung lenken, übernehme aber keine Garantie, dass sie der einzig wahre Weg sind.

Außerdem liegt mir auch am Herzen, dass vor all diesen Tipps eine große Empfehlung steht: Geht in eine Klinik. Ich kann euch wirklich schwören, dass mein Aufenthalt damals (über-)lebenswichtig für mich war.

Meine Tipps für eine Magersucht-Recovery

Habt einen Plan, an den ihr euch ohne wenn und aber haltet.

Die Grundlage einer jeden Recovery ist ein gesundes Gewicht. Heißt: Ohne Zunahme läuft gar nichts.

Ich dachte lange Zeit auch, dass ich schon irgendwie gesund werden könnte, ohne dass ich einen Gramm zunehmen muss. Dieser Gedanke ist aber völliger Quatsch. Streicht ihn bitte sofort!

Mehr noch: Er ist nicht nur total absurd, sondern auch komplett essgestört. Schließlich ist es doch eure Magersucht, die sich gegen mehr Gewicht wehrt. Lasst ihr das nicht durchgehen. Nehmt ihr diesen kranken Wunsch. Seid stärker als sie!

Außerdem – und jetzt wird es wirklich gefährlich – wird unser Gehirn schwer beschädigt, wenn wir uns im Untergewicht befinden. Es arbeitet nicht mehr so, wie es doll. Unser Denkvermögen ist eingeschränkt.

Dabei ist es aber super wichtig, dass man einen klaren Kopf hat, wenn man gegen eine so starke Krankheit ankämpfen möchte. Vor allem wenn wir uns in Therapie befinden, muss das Gehirn richtig schalten können. Wer nicht denken kann, kann nicht erfolgreich behandelt werden.

Bevor eure Heilung losgeht, tüftelt also einen Plan aus, in dem ihr festhaltet, was ihr zu welcher Mahlzeit esst, wieviele Kalorien ihr täglich erreichen wollt und welche Angewohnheiten ihr ablegen wollt.

Ich denke an dieser Stelle zum Beispiel an exzessiven Sport, Bewegungsdrang, Abführmittel und Erbrechen.

Seid euch bewusst darüber, wer und was euer Support System ist.

Als ich vorhin sagte, ihr müsst da allein durch, habe ich sofort zurückgerudert. Denn nein, ihr müsst da ganz bestimmt nicht allein durch.

Setzt euch einmal hin und überlegt euch, wer und was euch auf eurem Weg unterstützen kann und soll. Eure Familie, der Boyfriend, die engsten Freunde, eure Therapeutin, eure eigenen Willenskraft, Yogastunden & Meditation – schreibt auf, auf was ihr euch verlassen könnt und wollt, falls ihr einmal das Gefühl habt zu schwächeln.

(Ich habe mir meine „Rückhalt-Ressourcen“ übrigens in meinem aktuellen Journal notiert und blättere die Seite ab und zu auf. Ich finde es einfach schön, darauf zu blicken und zu sehen, dass ich nicht allein bin. Das ist niemand von uns! ❤️ )

Wer noch einen Schritt weitergehen möchte, sollte sich auch darüber bewusst werden, wer oder was in seinem Umfeld für negativen Einfluss sorgt. Die Freundin, die ständig von Diäten spricht und etwas an eurem Körper auszusetzen hat – braucht ihr sie wirklich in eurem Leben? Ich glaube nicht!

Sucht euch starke Vorbilder!

Vielleicht findet ihr jemanden, der ähnliches durchgemacht hat wie ihr. Vielleicht sucht ihr aber auch nach anderen tollen Frauen, die euch dazu inspirieren, die stärkste Version eurer selbst zu sein.

Ganz egal wer und wie – wichtig ist, dass sie etwas in euch bewegen.

Ich zum Beispiel habe zwei Vorbilder gefunden: Emma Watson und Hanna Oeberg – zwei völlig unterschiedliche Frauen. Von der einen – ich spreche von Emma – schaue ich mir ab, wie ich mich in unserer Welt positionieren und einbringen möchte. Nämlich als moderne Feministin, die Wert auf Gleichberechtigung und Fairness legt und die sich für die Umwelt und ein tolerantes Miteinander einsetzt.

Von der Fitness-Influencerin lasse ich hingegen mein Schönheitsideal beeinflussen. Mit all ihren Muskeln und diesem einmalig starken Körper konnte sie bereits mein ästhetisches Empfinden „umprogrammieren“. Skinny and weak? Nein, danke. Ich möchte lieber Hannas #bootygains und Bizeps. 🍑💪

Überlegt euch ein Mantra.

Gut, ihr könnt eure Magersucht nicht auf magische Weise verschwinden lassen. Es gibt leider keinen Zauberspruch dafür. Aber ihr könnt euch einen Satz überlegen, der euch von innen heraus stärkt.

Über meinen eigenen habe ich hier schon einmal geschrieben. Er lautet: „Ich bekomme nie genug von mir.“ Dieses Mantra half und hilft mir immer dann, wenn ich mich einmal „zu viel“ finde.

Denkt also nach, welchen negativen Gedanken ihr in einen positiven verwandeln wollt. Sagt euch eure Magersucht, ihr dürft nicht essen? Dann redet gegen sie an. Sagt ihr und euch, dass ihr es wert seid, euren Körper mit gesunder Nahrung zu umsorgen.

Habt ihr eine Stimme im Ohr, die euch einreden will, ihr müsstet exzessiven Sport treiben? Ihr habt es verdient, euch genügend Ruhe zu gönnen. Dafür müsst ihr nicht bis zum Erbrechen durch den Park gejoggt sein.

Lernt euch selbst zu lieben.

Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Gesundheit auf Selbstliebe beruht – vor allem was die psychische betrifft.

Wie ihr lernen könnt, euch wohl zu fühlen, habe ich hier in sechs Tipps aufgeschrieben.

Gerne würde ich euch aber an den Selflove-Coach überhaupt – nämlich Louise L. Hay – verweisen. Auch wenn die Amerikanerin bereits verstorben ist, hat sie uns wundervolle Bücher hinterlassen.

Ich selber kann „Ernährung für Körper und Seele“ empfehlen.

Bündelt all eure Wut gegen die Krankheit.

Soziale Kontakte, Lebensfreude, Freiheit – selbst wenn ich heute noch darüber nachdenke, was mir meine Magersucht damals genommen hat, steigt in mir diese unglaubliche Wut auf.

Ich hasse diese Krankheit. Sie zerstört so viele Leben. Sie raubt einem alles.

Als ich mir darüber bewusst wurde, war mir schlagartig klar, dass ich sie zerstören will. Denn nichts anderes hatte sie ja auch mit mir vor!

Das „Schöne“ an Wut: Es ist eine unserer heftigsten Emotionen. Nutzt also all ihre Power und richtet sie nicht gegen euch, sondern gegen die Krankheit. Wettert gegen sie an. Macht ihr den Garaus!

Geht über die Anorexiegrenze hinaus.

Wie bereits gesagt ist bei einer Recovery die Zunahme das A und O. Ihr braucht Gewicht, um gegen die Magersucht anzukämpfen. (Man könnte glatt vom Kampfgewicht sprechen. 😄)

Auf eurem Weg zurück ins Normalgewicht gibt es dabei unterschiedliche Etappen. Die Anorexiegrenze ist eine davon. Sie gibt an, wann ihr den anorektischen Bereich verlassen habt.

Hört hier aber bitte nicht auf. Nehmt lieber noch ein paar Kilos zu, sodass ihr euch im sicheren Normalgewicht befindet. Es kann schließlich immer mal passieren, dass ihr wieder abnehmt (es muss nur ein Magen-Darm-Infekt kommen und schwups, fehlen wieder Kilos), und schon seid ihr erneut im Untergewicht.

Hier beginnt der Teufelskreis dann wieder. Euer Hirn arbeitet wieder eingeschränkt, eure Zurechnungsfähigkeit nimmt ab und eure Wahrnehmung verzerrt sich erneut. Und genau diese Abwärtsspirale gilt es ja zu entkommen.

Wie bereits gesagt: Meine Tipps sind Tipps. Ich biete sie euch an. Ihr könnt ganz frei entscheiden, ob ihr sie annehmt oder nicht. Vielleicht sind sie nützlich für euch. Vielleicht aber auch nicht.

In jedem Fall drücke ich euch auf eurem Weg die Daumen. Ich bin mir sicher: Ihr packt das! And remember: Wartet nicht auf die Heilung von außen. Sie steckt in euch selbst.

Foto Credit: IG @fraugipp

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