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Meine Magersucht war erst eine Bulimie

Natürlich wurde ich schon oft gefragt, wie meine Magersucht eigentlich begann. Und auch ich habe darüber oft nachgedacht und mir diese Frage gestellt.

Ganz so einfach ist sie aber gar nicht zu beantworten. Ich mein: Ab wann ist mager denn nun süchtig? War ich es schon mit 55 Kilo, als ich bereits ein paar Kilos abgenommen hatte? Oder kam das erst später – als man bereits meine Knochen sehen konnte?

Nicht immer erkennt man eine Essstörung am Gewicht

Kann man eine Magersucht am BMI erkennen? Ich denke nicht. Also nicht zwangsläufig. Denn ganz unabhängig von der Optik zählt natürlich auch das, was im Inneren passiert. Eine Magersucht ist schließlich eine psychische Störung. Ich kann also schon längst essgestört sein, ohne dass man es mir ansieht. Oder andersherum: Ich kann eine Klinik “wiederernährt” – also im Normalgewicht – verlassen, bin innerlich aber immer noch in meiner Magersucht gefangen.

Dass eine Essstörung per se nichts mit einem Gewicht zu tun hat, sieht man vor allem an Menschen mit einer Bulimie. Nur weil sie ihr Essen erbrechen, nehmen sie nicht unbedingt ab.

… und leider weiß ich, von was ich hier spreche. Denn ja, auch ich habe eine Zeit lang über der Kloschüssel gehangen und mir meinen Rachen so lange wund gestochen, bis wirklich nichts mehr aus mir herauskam.

Ich stehe dazu: Ich hatte eine Bulimie

Eigentlich wollte ich darüber nicht schreiben. Mich schüttelt es nämlich selber, sobald ich an die Zeit zurückdenke. Aber sie gehört ebenso zu meiner Vergangenheit wie meine Magersucht. Ja, sie war es ja sogar, mit der alles begann.

Wenn ich also nicht sagen kann, ab wann ich denn magersüchtig war, kann ich zumindest sagen, wie meine Essstörung startete. Und zwar mit einer Bulimie.

Es war im Oktober 2013. Mein bester Freund und ich hatten gerade unsere WG aufgelöst. Er war nach Berlin gegangen, ich wohnte das erste Mal allein. Außerdem befand ich mich gerade in meiner Examensphase und hatte parallel dazu ein zweites Studium aufgenommen.

Ich arbeitete viel. Ich lernte viel. Ich feierte viel.

Nach außen machte ich einen toughen, gut gelaunten Eindruck. Doch innerlich war ich zerbrochen. Ich wusste nicht mehr, wo ich hingehörte. Ich war auf der Suche, aber fand einfach nicht zu mir. Ich war verloren.

Das erste Mal Erbrechen

Eines Abends, ich wollte gerade zu einer Party aufbrechen, schlüpfte ich in meinen Lieblingsrock und musste feststellen, dass er einfach nicht mehr über meinen Hintern passte. Der Alkohol und die viele “Lern-Schokolade” hatte mich etwas in die Breite gehen lassen.

Mich packte das schlechte Gewissen. Gerade eben hatte ich nämlich wieder ziemlich viel Süßes und ölige Fertig-Antipasti gegessen.

Aber was wenn, ja, was wenn ich mein ungesundes Abendessen einfach wieder ungeschehen machen könnte?!

Wenige Minuten kniete ich vor meiner Toilette und erbrach das erste Mal. Mein Kopf war wie leer gefegt. Ich dachte dabei an gar nichts. Zum ersten Mal seit langer Zeit plagten mich weder Selbstzweifel noch Zukunftsängste. Ich vergaß sogar, wie einsam ich mich sonst immer fühlte.

Ein paar Tage später – ich war abends wieder allein in meiner Wohnung – überlegte ich, dass eine „Kotz-Diät“ doch gar nicht so dumm sei. Ich könnte essen, was ich wollte und würde trotzdem nicht zunehmen. Außerdem würde ich wieder abschalten können. Ich würde die Leere, die in mir herrschte, durch ein Gefühl der Kontrolle und Selbstbestimmung ersetzen und alles um mich herum vergessen machen.

Es zog mich an diesem Abend wieder in mein kleines rosa Badezimmer. Und es sollte nicht das letzte Mal sein.

Ich begab mich ziemlich bewusst in eine Bulimie hinein, ohne zu wissen, dass sie schon bald mehr als nur eine „Diät“ sein würde, die ich ab und zu machte.

Meine Bulimie machte sich selbstständig

Es dauerte nur wenige Wochen, da erbrach ich jeden Abend. Nur ich wusste davon. Sonst fiel es niemandem auf. Wie auch, nahm ich dadurch keinen einzigen Gramm ab. Mein Gewicht änderte sich nicht. Und trotzdem war ich bereits essgestört…

Wie sich meine Bulimie entwickelte und in eine Magersucht „überging“, erzähle ich euch bald genauer. Doch möchte ich euch schon jetzt darauf aufmerksam machen, sensibler mit den Menschen, die euch umgeben, umzugehen. Nicht jedem sieht man seine innere Zerrissenheit und seine Not an. Nicht alle Wunden sind auch wirklich sichtbar.

Wir alle führen innere Kämpfe aus. Lasst uns einander den Rücken stärken und unsere Waffen zusammenlegen. Geteiltes Leid ist nicht nur halbes Leid, sondern mit vereinten Kräften auch ganz zu besiegen.

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