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“Keiner kam mehr zu dir durch” – ein Gespräch mit meiner Mutter über meine Magersucht

Im Sommer 2014 beschloss ich abzunehmen. Ich wollte ein paar Kilos verlieren. Mein Ziel war ein perfekter Beach-Body.

Die ersten Pfunde purzelten schnell, ich bekam viele Komplimente. Und mit dazu: eine Magersucht, die mir vieles und fast auch mein Leben nahm.

Meine Mutter – mit der ich ein sehr enges Verhältnis pflege – erlebte mich die komplette Zeit. Sie ging mit mir durch dünn und dünner.

Doch war da nicht nur mein Körper, der sich veränderte. Meine Mutter bekam auch mit, was die Krankheit mit meinem Charakter machte.

Über genau diese Veränderungen, aber auch über ihre Ängste und Gedanken, haben wir jetzt ein Gespräch geführt.

Let‘s talk about anorexie, Mami

Ich: Du hast meine ganze Anorexie quasi mit „durchgemacht“. Von Anfang bis Ende hast du mich beobachten können. Ich wurde ja von Mal zu Mal, das du mich sahst, kränker. Klar, das erkennt man nicht auf Anhieb. Ab wann also hast du gemerkt, dass sich da gerade eine böse Krankheit entwickelt?

Die beste Mama der Welt: Erstmal habe ich das gar nicht gesehen. Ich wusste ja, dass du abnehmen möchtest, nachdem du in der Prüfungsphase etwas zugelegt hattest und dachte mir: „Lass sie machen. Es ist ihr Leben.“

Aber gab es nicht irgendwann einen Punkt, an dem man gesehen hat, wie kritisch es um mich steht?

Nein, lange nicht. Da hast du dir ja auch viel Mühe mit gegeben. Du hast darauf geachtet, dass ich dich nicht mehr in Unterwäsche sah, du hast deinen Körper gut verhüllt und immer weite Kleidung getragen und du hast dir im Gesicht stets Konturen geschminkt. Dass du nur noch ein Gerippe warst, hat man gar nicht gesehen.

Und selbst hätte ich es gesehen. Ich hätte gar nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen, ohne dich gegen mich aufzubringen.

Wie meinst du?

Naja, du bist ein ziemlicher Dickkopf. Wenn man dir etwas sagt, bist du ganz schnell in Opposition. Besonders wenn man dir etwas sagt, das du nicht hören willst, gehst du erst einmal dagegen an. Man muss die Worte schon ganz genau wählen, um dich nicht zu verletzen.

Hast du da Beispiele?

Ich habe immer Andeutungen gemacht und versucht, mich vorsichtig heranzutasten. Ich habe dann ganz zaghaft nachgefragt, ob du langsam nicht genug vom Abnehmen hast. Davon wolltest du aber nichts hören.

Besonders zum Schluss warst du extrem schroff und hast alles abgelehnt. Ich habe immer die volle Breitseite gekriegt. „Das stimmt alles gar nicht“, hast du mich angemotzt.

Und das tut mir heute auch sehr Leid. Mir tut so vieles Leid. Aber damals konnte ich nicht anders. Bis heute frage ich mich, ob da überhaupt noch ich oder aber die Krankheit aus mir sprach. Wie hast du das wahrgenommen?

Du bist generell manchmal so buff. Also ziemlich direkt – und bei mir gerne auch einmal mit einem zickigen Unterton. Aber ja, du hast dich verändert. Plötzlich hast du extremer als sonst zurückgeballert. Du wurdest immer barscher, immer härter – und ja, ich glaube, da steckte viel die Magersucht hinter. Das warst nicht mehr du.

Immer schroffer, immer verschlossener

Machte dir das Angst, du kämest irgendwann gar nicht mehr an mich heran? Dachtest du, dass wenn du jetzt noch etwas sagst, ich dich komplett ausschließen würde?

Das war die Gefahr. Man hat nämlich schon gemerkt, dass du langsam einen Schutzwall hochzogst. Man merkte, da ist jetzt etwas, das dich abschirmt. Keiner kam mehr zu dir durch.

Deswegen habe ich mich immer darüber gefreut, wenn du am Wochenende zu Besuch kamst. Ich dachte: „Solange sie kommt, vertraut sie mir noch. Und sollte sie reden wollen, bin ich für sie da.“

Aber dachtest du nicht auch: „Wie kann ich sie stoppen?“?

Natürlich habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Viele sogar. Aber ich kam zu dem Entschluss, dass ich lieber nur so viel sagen sollte, das dich selber zum Nachdenken anregte. Ich wusste, dass wenn es ein Weitergehen geben soll, es bei dir im Kopf Klick machen musste.

Eine Zwangseinweisung kam also nicht in Frage?

Nein, auf keinen Fall. Du solltest deinen eigenen Anteil an deiner – ich sage mal – Genesung haben und das auch so empfinden. Du solltest dich nicht entmündigt fühlen.

Wobei ich darüber nachgedacht habe, als ich dich in der einen Nacht auf dem Klo gefunden habe.

Der Wendepunkt, der mich rettete

Meinst du, ich musste an diesen schrecklichen Punkt kommen?

Ja, ich glaube schon. Du musstest selber sehen, wie sehr dir die Krankheit schadet. Du musstest vor ihr so viel Angst bekommen, dass du sie selber wieder loswerden wolltest. Sonst hättest du den Klinikaufenthalt und die Therapie immer von außen übergestülpt empfunden.

Du hattest schon immer ein sehr starkes Selbstverständnis und ein großes Ego. In deinem Kopf musste etwas umschalten, damit es weitergehen konnte. Und so hart dieser Erfahrung auch war, sie legte diesen Schalter meiner Meinung nach um.

Habe ich mich während der Magersucht sonst verändert?

Du warst kein fröhlicher Mensch mehr. In dir steckte kein Glück mehr.

Viele sagen auch, dass mir irgendwann der Glanz in den Augen fehlte. Hast du das auch so gesehen?

Du hattest deine ganze Ausstrahlung verloren – nämlich als dein Gesicht seine üblichen Konturen verlor. Dein Gesicht war ja ein ganz anderes. Deine Augen verloren ihren Glanz, das stimmt. In ihnen spiegelte sich nur noch deine Verbissenheit und die Heftigkeit der Krankheit wieder.

Hast du trotzdem noch deine Tochter gesehen oder die Krankheit?

Meine Tochter. Ganz klar. Die Krankheit war auch da, klar. Aber bis zum Schluss habe ich meine Tochter gesehen. Und ich stand jede Sekunde hinter ihr.

An dieser Stelle versagt mir die Stimme. Eine weitere Frage kommt einfach nicht heraus. Aber es ist ja auch schon so vieles gesagt. Jetzt braucht es nur noch eins: Viele Taschentücher, eine lange Umarmung mit meiner Mama und ganz viel Dank. Für sie. Für meine gesamte Familie. Für meine Freunde. Und allen voran: Meinem Körper, der mich nie im Stich ließ, auch wenn ich ihn ausbeutete und leiden ließ, so wie es niemand verdient hat.

Mami, ich liebe dich!

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