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Reise zurück ins Leben: Ich hab’s gepackt!

Als ich gerade eben mit meinem Trolley durch den Hamburger Airport rollte, konnte ich es kaum fassen: Ich flog tatsächlich gleich los. Mein Freund und ich machten uns auf nach San Francisco.

Schon beim Packen hatte ich gestern nur so vor Glück gesprudelt. Egal, welches Kleidungsstück gerade in meinen Koffer wanderte, ich stellte mir dabei immer vor, wie ich es voll cool an der Golden Gate Bridge anhaben würde oder wie ich darin vor den Old Ladies posieren würde.

Packen für eine wundervolle Reise

“Okay, wow. Beruhig’ dich”, sagte ich mir immer wieder. Doch ich konnte es nicht. Die Euphorie in mir wollte nicht abklingen. Aber ganz ehrlich? Das musste sie ja auch eigentlich gar nicht. Ich durfte ja wohl so glücklich sein, wie ich gerade wollte.

Und dann kamen sie: die Freudentränen. Gemischt mit Stolz, Erinnerungen und dem ein oder anderen Schniefer.

Damals ging es in die Klinik statt in den Urlaub

Ich hatte vor drei Jahren schon einmal meinen Koffer gepackt. Damals wusste ich nicht für wie lange. Und es ging auch nicht in den Urlaub. Ich hatte zwar eine Reise vor mir, aber die ging nicht an einen tollen Hotspot. Vielmehr sollte sie mich zu mir selbst führen. Ich zog mit Sack und Pack – und einem gefährlich geringen Körpergewicht – in die Klinik nach Hannover.

Zu dem Zeitpunkt drehten sich meine Gedanken sicherlich nicht um San Francisco. In meinem Kopf gab es nur eins: ABNEHMEN. KALORIEN. BEWEGUNG.

Mein Tagebucheintrag aus dem Mai 2016

Tatsächlich unterbrach ich gestern meine Pack-Aktion und stöberte in meinem Tagebuch von 2016. Ich fand ihn schnell. Den 1. Mai.

“Heute früh beim Wiegen ist mir glatt schlecht geworden. ** Kilogramm. Das heißt, ich habe mein Vertragsziel erreicht. Für andere wäre das vielleicht ein Grund zum Jubeln gewesen. Anna (so personifizierte ich meine Magersucht) hingegen sträubte sich so sehr gegen diese – für sie extrem hohe – Zahl, dass es auch mir einen Schlag in die Magengruben verpasst hat.

Nein, Anna hatte ja Recht. Irgendwo musste eine Grenze sein. Und um ehrlich zu sein: Ich wollte Anna auch gar nicht wieder loswerden. Wir gehörten jetzt zusammen. Als unschlagbares Duo.

Das waren wir in dem vergangen halben Jahr doch immer gewesen. Wir waren so sehr zusammengewachsen, dass ich sie doch jetzt nicht einfach so aufgeben konnte. Alle anderen hatten mir vielleicht den Rücken gekehrt. Aber Anna nicht.

Sie war mein Ein und Alles. Feindin und beste Freundin zugleich. Eine andere hatte ich auch gar nicht mehr. Jetzt war da nur noch Anna. Alle anderen prallten an uns ab. Und das durfte auch gerne so bleiben. Ich brauchte sie!”

2016 vs 2019: Damals „überlächelte“ ich alles. Meine wahren Emotionen zeigte ich nie. Natürlich passte mein Grinsen nicht zu meinen Stockbeinchen. Heute stehe ich aufrechter und lächel nur noch, wenn ich mich auch so fühle. Vor meinem Abflug nach San Francisco tue ich das allerdings.

Meine eigenen Worte erschüttern mich

Diese Worte habe ich vor drei Jahren geschrieben. Während ich sie gestern las, konnte ich nicht anders, als bitterlich zu weinen. Ich wollte am liebsten in die Vergangenheit reisen und dieses verzweifelte Wesen umarmen, das damals solche Tagebucheinträge machte und solch selbstzerstörerischen, kranken Gedanken hatte.

Aber ich packte meinen Koffer nicht für eine Reise zurück, sondern für einen ganz anderen Trip.

Während ich die letzte Hose faltete, kullerte mir noch immer eine Träne übers Gesicht. “Ja, mein Schatz, das ist das Leben”, sagte ich zu mir. Es spielt sich nicht in einer Klinik ab. Und es lebt sich so wundervoll ohne Anna. “Du brauchst keine Magersucht mehr. Du bist so vieles mehr als eine Zahl auf der Waage”, flüsterte ich.

Nun sitze ich hier am Gate. Mein Koffer ist aufgegeben, unser Flug wird bald aufgerufen und ich habe so große Lust.

Ich habe Lust auf San Francisco. Ich habe Lust auf tolle Momente. Ich habe Lust auf Pommes von In-N-Out. Und ich habe Lust aufs Leben!

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