Home,  Magersucht

Wie ich meine Magersucht zu meiner Stärke machte

Schon einmal habe ich euch von einem Moment aus meiner Magersucht erzählt, der mir extrem im Gedächtnis geblieben ist. Es war jener, der mich erst so richtig wachrüttelte. Ich war damals an meinem Tiefpunkt angekommen, das Ende schien nicht mehr weit.

Doch es gibt natürlich noch einige weitere Situationen, die entscheidend für meinen Weg – und meinen Kampf aus der Magersucht heraus – waren und an die ich bis heute noch oft denke.

In diesem Fall ist es ein Gespräch, das mir manchmal in den Kopf kommt. Ich führte es im April 2016. Ich war in der ersten Klinik, saß mit einem viel zu geringen BMI im Rollstuhl und durfte nur einmal am Tag für 30 Minuten nach draußen.

In zusammengewürfelten Dreiergruppen trafen wir uns vor dem Haupteingang. Wir sollten uns austauschen, Zeit miteinander verbringen und einander kennenlernen. Denn es war nicht so, dass wir alle mit dem gleichen psychischen Problem hier waren. Manche litten unter Depressionen, andere ließen ihre Traumata behandeln und ganz andere wiederum kämpften mit einer Bulimie.

In meinem kleinen “Team” war neben Nathalie auch Brigitte (* Namen geändert). 40 Jahre alt. Mutter von zwei Kindern. Depressiv.

Ein Satz, der alles verändern sollte

Meist drehten wir zusammen eine kleine Runde um die Klinik. Brigitte schob mich. Ich genoss die ersten Sonnenstrahlen des Jahres. Die Kirschbäume blühten.

“Eins verstehe ich nicht”, sagte Brigitte plötzlich und hielt an. Sie kam um meinen Rollstuhl herum, blieb vor mir stehen und schaute mich an. “Wenn du so stark und diszipliniert bist, dich so herunter zu hungern. Dann müsstest du doch eigentlich auch stark genug sein, dich da wieder heraus zu holen.”

Ich blickte Brigitte an. Sprachlos. Etwas überrumpelt.
Es dauerte ein paar Sekunden bis ich antworten konnte. Aber was sollte ich schon sagen?! Sie hatte Recht.

Der Kampf gegen die Magersucht beginnt

Von dem Moment an wusste ich: Ich würde es schaffen. Ich würde den Spieß einfach umdrehen. Ich würde all meine Kraft, die ich bisher darauf verwendet hatte, mich in Richtung Magersucht zu treiben, sammeln und sie dafür nutzen, genau das Gegenteil zu machen. Nämlich mich wieder zurück ins Leben zu kämpfen.

Natürlich sprang ich nicht schon am nächsten Tag aus meinem Rollstuhl heraus. Und klar, mein Weg war mehr als nur steinig. Doch plötzlich hatte ich Hoffnung. Ich hatte eine Vision. Mein Ehrgeiz und mein Kampfgeist waren geweckt.

Jeder von uns hat diese Stärke. Nutzt sie für euch. Nicht gegen euch.

Immer wenn mir meine fiese innere Stimme nun sagte, ich dürfe nicht essen, redete ich lauter als sie. “Ich bin stärker als du. Du kannst mir gar nichts”, setzte ich ihr entgegen. Es gelang mir zwar nicht auf Anhieb, mich gegen sie durchzusetzen, aber ich wurde von mal zu mal besser.

Ich weiß nicht, ob es Brigittes Worte waren, die mich letztendlich aus meiner Magersucht retteten. Bestimmt gab es noch andere Faktoren, die mir halfen. Aber eins ist sicher: Unser Gespräch veränderte einiges.

Vor allem veränderte es mich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.