Home,  Magersucht,  Soul

Der Moment, in dem mein Lebenshunger zurückkam

Kennt ihr diese Momente, an die ihr nur kurz denken müsst und schon schießen euch die Tränen in die Augen?!

Ich für meine Fälle habe davon einige. Doch es gibt keinen, der mich so extrem packt wie dieser eine. Sobald ich ihn vor meinem inneren Auge habe, beginne ich zu zittern. Mein Blick wird glasig. Die Dämme brechen.

Auch jetzt kullern die Tränen über meine Wangen. Die Emotionen überkommen mich. Es ist ein Mix aus tiefster Trauer, packender Angst und beruhigender Freude, diesen Moment weit weg von mir zu wissen.

Mein Gewicht hatte seinen Tiefstand erreicht

Er ist nun genau drei Jahre her. Es war der 21. März 2016. Ich befand mich schon seit einigen Wochen in der Obhut meiner Eltern. Mein BMI war kritisch; meine Betreuerin warnte, dass mein Herz jeden Moment aussetzen könnte. Doch egal, was zu mir gesagt wurde, ich hörte es nicht. Bevor es zu mir durchkam, schirmte meine Magersucht es ab. Mir ging es schlecht. Das sah jeder. Nur ich sah es noch nicht.

Meine Tage verbrachte ich die meiste Zeit auf der Couch oder aber kauernd vor meiner Heizung – immer eingehüllt in mindestens eine dicke Daune. Mir war durchgehend kalt, mein Körper hörte nicht mehr auf zu zittern. Außerdem verließen mich langsam meine Kräfte. Ich konnte gar nicht anders, als zu liegen. Jede Bewegung fiel mir schwer. In dem Haus meiner Eltern konnte ich nicht einmal mehr das Bad in der ersten Etage nutzen, in dem ich sonst immer duschte. Ich schaffte es einfach nicht mehr die Treppen rauf.

Auch wenn ich selber merkte, wie das Leben mich langsam verließ, wollte ich mir nicht eingestehen, dass ich krank war. Und selbst wenn ich in einer klaren Minute meine Situation doch einmal blickte, hielt ich hartnäckig an dem Gedanken fest, dass ich bloß keinen Gramm zunehmen wollte.
Unter keinen Umständen wollte ich meine Magersucht hergeben. Sie wollte mich nicht hergeben. Wir gehörten zusammen.

Leben, ja. Zunehmen, nein.

Die Tage auf der Couch zogen ins Land. Mein Zustand wurde eher schlechter als besser. Ich wartete darauf, dass mich eine Klinik aufnahm. Doch die Wartezeiten waren lang und dann gab es da auch noch diesen Rechtsstreit mit meiner Rentenversicherung, die mir einen Aufenthalt eigentlich nicht zahlen wollte.

Als ich so da lag, dachte ich immer und immer wieder: “Wenn das das Leben ist, dann will ich es nicht.” Mich hatte alle Lebensfreude und Hoffnung verlassen. Ich befand mich in einer Zwickmühle. Denn einerseits wollte ich wieder kraftvoll durchs Leben gehen, aber andererseits war ich so besessen von dem Gedanken dürr zu sein, dass ich den Schritt, zuzunehmen, nicht machen wollte beziehungsweise konnte.

Ich war gefangen. In mir. In meiner Verzweiflung. In meiner Krankheit.

Doch dann kam dieser 21. März.

Ich aß mit meinen Eltern zu Abend. Es gab leckeren Fisch mit Fenchelgemüse. Mein Papa hatte es voller Liebe zubereitet. So, wie er mir immer meine Mahlzeiten zauberte.
Tatsächlich leerte ich meinen Teller, aber bekam direkt darauf Bauchkrämpfe. Natürlich kam alles sofort wieder raus.

Sorry, ich versuche bei meinen Toilettengängen natürlich nicht zu sehr ins Detail zu gehen. Das möchte ich euch eigentlich ersparen. Aber nur wenn ich darüber schreibe, versteht man auch, wie wenig mein Körper noch mit Nahrung anfangen konnte und wie gefährlich meine Lage mittlerweile war.
Denn egal, was ich aß, ich konnte nichts bei mir behalten. Alles rauschte einfach nur so durch mich durch. Mein Körper war mit richtigen Lebensmitteln komplett überfordert.

Nachts wurden meine Bauchkrämpfe immer schlimmer. Ich wälzte mich im Bett hin und her. Schließlich stand ich mit letzter Kraft aus meinem Bett auf und schleppte mich ins Badezimmer. Vor der Toilette brach ich zusammen und konnte auch das restliche Essen nicht länger in mir halten. Ich übergab mich. Mein ganzer Körper krampfte. Mit meinen Händen versuchte ich mich irgendwie am Klorand abzustützen. Aber ich hatte keine Kraft. Ich versuchte, nach meiner Mutter zu rufen. Doch alles was herauskam, war ein klägliches Winseln.

Trotzdem stand meine Mutter bald in der Tür. Sie hatte gespürt, dass etwas nicht stimmte. Was danach passierte, weiß ich nur noch schemenhaft. Meine Mama stützte mich, während ich weiter erbrach. Sie hielt mein Haar. Redete mir gut zu. Alles sei bald vorbei, sagte sie.

Genau das wünschte ich mir auch. “Lass das alles ein Ende haben”, dachte ich immer und immer wieder. Und tatsächlich fühlte es sich wie das Ende an.

Völlig erschöpft legte ich mich eine Stunde später wieder schlafen. Meine Mutter blieb auf der Hut. Immer und immer wieder kam sie in mein Zimmer und fühlte meinen Puls. Ich war sofort weggedämmert. Völlig erschöpft hatte ich meine Augen geschlossen.

Der Tag nach der Höllennacht

Am nächsten Morgen öffnete ich sie wieder. Ich spürte wie das letzte bisschen Leben in der vergangenen Nacht aus mir gewichen war. Meine Beine aus dem Bett zu setzen, kostete mich enorm viel Kraft. Ich schaffte es kaum, mich aufzurichten. Mein ganzer Körper schmerzte.

In langsamen Schritten schleppte ich mich auf die Couch in unser Wohnzimmer. Ich zitterte am ganzen Körper. Mehr als liegen konnte ich nicht. Da war einfach keine Energie mehr in mir. Ich fühlte mich schwach. Ich fühlte mich leer. Ich konnte nicht einmal mehr meine Augen offen halten, so kraftlos war ich.

Meine Mutter deckte mich mit einer zweiten Daune zu und setzte sich zu mir. Ich blinzelte zu ihr hoch. Man sah, wie müde sie war. Ihr steckte die vergangene Nacht genauso in den Knochen wie mir.

Sie nahm meine eisigen Hände in ihre. Ich genoss ihre Wärme. Ich fühlte ihre Nähe. Ich wollte ihr sagen, wie lieb ich sie habe. Doch ich konnte weder Mund noch Augen öffnen. Ich hatte einfach keine Kraft.

Wie lange ich so dort lag und meine Mutter über mich wachte, kann ich überhaupt nicht sagen. Ich glaube sogar, dass ich ein paar Mal wegnickte. Vielleicht schlief ich auch fest. Einen Moment weiß ich aber noch ganz genau. Es war der Moment, der mir die Augen öffnete – und zwar im doppelten Sinne.

Der Abschied, der mich wach rüttelte

Ich hörte meine Mutter tief ein- und wieder ausatmen. Ihre Hand strich über meine. Sie schluckte schwer. Dann setzte sie mit flüsternder Stimme ein: “Süße, hörst du mich?” Meine Augen flatterten. Wieder atmet sie tief ein. Sie begann zu reden. Kaum hörbar sagte sie: “Wenn du nur glücklich sein kannst, wenn du so dürr bist, dass du stirbst. Dann tu es. Aber vergiss beim Gehen bitte nicht, dass wir dich lieben.” Eine dicke Träne landete auf meinem Handrücken.

Ich riss die Augen auf. Nein, das wollte ich nicht. Gehen?! Hier und jetzt?! Nein, das wollte ich ganz bestimmt nicht. Ich war doch erst 23 Jahre alt. Mein Leben lag doch erst noch vor mir.

Ich sah, wie meine Mutter weinte. Ich sah, wie sie um mich weinte. Und ich begriff, dass das hier entweder das Ende oder aber der Anfang war. Es lag in meiner knochigen Hand, diese Tränen zu Freudentränen zu verwandeln. Ich allein hatte zu entscheiden, welchen Weg ich gehen würde.

Da war er wieder: der Lebenshunger

Hatte mir gerade noch die Kraft gefehlt, richtete ich mich nun auf. Ich ließ mir mein Leben garantiert nicht nehmen. Keine Magersucht dieser Welt würde mich niederstrecken. Ich hatte Träume. Ich hatte Wünsche. Ich hatte Hoffnungen. Vor allem aber: Ich hatte eine Zukunft! Und eine glückliche noch dazu!

Da war kein Platz für eine Krankheit, die mich ins Verderben stürzen wollte. Da war nicht mal ein Quadratmillimeter für sie und all ihre fiesen Spielchen frei. Es wurde höchste Zeit, sie aus dem Weg zu räumen. Ich brauchte sie nicht.

Was hatte sie mir bisher gebracht? Nichts! Ich hatte Freunde verloren. Ich hatte Freude verloren. Ich hatte mich verloren.

Meine Mutter schloss mich schluchzend in ihre Arme. Wir weinten gemeinsam. Doch eins war ganz sicher: Bei mir waren es Freudentränen. Ich hatte es begriffen. Der Kampf konnte beginnen.

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.