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Ungeahntes Histamin: Wie mich mein Essen monatelang krank machte

“Oh Gott, ich muss etwas trinken. Sonst ersticke ich glaube ich.”

Diesen Satz sagte ich in den vergangenen zehn Monaten nicht selten. Es gab Zeiten, da verließ er öfter meinen Mund und welche, … ach was rede ich, es gab kaum welche in denen ich ihn nicht sagte. Tatsächlich brachte ich ihn irgendwann sogar täglich an. Das war im November, um genau zu sein.

In dem Monat beschloss ich auch, dass es mir jetzt endgültig reichte. Irgendwas stimmte mit meinem Körper nicht. Und nein, es war nicht meine Psyche. Und nein, es war auch kein Sodbrennen – so wie es mir einige Ärzte in Hamburg weiß zu machen versuchten.

Ich bildete mir garantiert nicht ein, dass ich da irgendwas im Hals hatte, das mir das Atmen schwer machte. Ich konnte ja auch ganz genau beschreiben, wie es sich anfühlte. Eben so, als würde meine Luftröhre anschwillen beziehungsweise zuschwillen.

Beginnen wir am Anfang

Dieses Gefühl hatte ich erstmals im März 2018. Gerade begann draußen alles zu blühen, ich fuhr zu meiner Familie in den Schwarzwald. Sonst liebte ich es hier, durch die Weinberge zu spazieren. Aber jetzt war ich nur noch damit beschäftigt, nach Pollen und Gräsern zu googeln. Ich war mir sicher, dass ich Heuschnupfen oder sowas hatte.

Zurück in Hamburg ging ich einen Monat später zum ersten HNO-Arzt. Als ich ihm von meinem trockenen Hals erzählte und dass ich ja erst beim Zahnarzt gewesen wäre, erklärte er mir, dass bei der Betäubung vielleicht eine Speicheldrüse getroffen worden wäre. Die könne jetzt noch immer lahm gelegt sein. Das würde ein paar Monate dauern. Ich solle mir keine Gedanken machen.

Von betäubten Speicheldrüsen zu vermeintlichem Sodbrennen

Als ich im Juli noch immer das Gefühl hatte, ich würde ersticken, ging ich zur nächsten HNO-Ärztin. Ich hatte das Wort Magersucht noch gar nicht ausgesprochen, da stand schon für sie fest: “Reflux. Sie haben einen Reflux.” (Für alle, die nicht wissen was das ist: Bei einem Reflux fließt Magensäure in die Speiseröhre zurück und sorgt hier für Reizungen.)

Sie schickte mich mit einem Merkzettel nach Hause, auf dem stand, was ich ab sofort vermeiden solle. Viel Zucker. Alkohol. Fettige Speisen. Rauchen. Alles Dinge, die ich eh nicht konsumierte. Ich stutzte und wollte ihr nicht glauben. Keiner der Auslöser traf auf mich zu.

Also ging ich noch einmal zu ihr und ließ einen Allergietest machen. Staub. Pollen. Der typische Kram. Nichts davon sollte es sein. Die Ergebnisse waren alle negativ.

Der Kaffee machte mich stutzig

Nachdem ich eines Mittags – es waren schon wieder ein paar Wochen vergangen und mein Kloß im Hals war immer noch da – wieder einmal Kaffee getrunken hatte, verschlimmerte sich das Gefühl drastisch. Dabei kam mir jedoch eine Idee. Ich googelte “Kaffee Allergie” und stieß erstmals auf den Begriff Histamin.

Ein paar Stunden und viele Internetseiten später wusste ich in etwa, auf welche Lebensmittel ich ab sofort vielleicht verzichten sollte. Ich begann damit, meine Ernährung umzustellen und suchte gleichzeitig nach einem Facharzt in Hamburg. Ich fand eine Praxis für Ernährungstherapie, die auf Unverträglichkeiten spezialisiert ist. BINGO!

Ein nächster Anlauf … für einen Sprung ins kalte Wasser

Der einzige Haken war nur, dass ich erst einen Termin bekommen sollte, wenn mir meine behandelnde HNO-Ärztin eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung (wow, was für ein Wort!) unterschrieb. Kein Problem, dachte ich und reichte in meiner Praxis das ausgedruckte Diagnosegutachten ein, auf dem nur noch anzukreuzen war, welcher Verdacht denn bestehe. Histaminintoleranz, Diabetes, Zöliakie – die Liste war lang. Doch ich sprach mit der Arzthelferin ab, dass Frau Doktor bitte ihr Kreuzchen bei ersterem setzen sollte.

Eine Woche später kam die unterschriebene Bescheinigung bei mir an. Endlich hatte ich das Gefühl, dass mir bald jemand helfen könnte. Doch als ich den Brief öffnete, saß der Schock richtig. Ich fing sofort an zu weinen und tastete meinen Körper ab. “Ich bin nicht mehr im Untergewicht”, versicherte ich mir. Aber dort, in dem Schreiben, stand es. Meine Ärztin hatte das Kreuz nicht etwa bei “Histaminintoleranz” gemacht, sondern bei “Magersucht” und “Untergewicht”. Ihr musste meine Vergangenheit noch im Kopf gewesen sein und da war ja klar, was ich hatte. VON WEGEN!

Mein Freund sah meine Reaktion. Sobald jemand zu mir sagt, ich sei zu dürr, gerate ich in Panik. Und jetzt hatte ich es ja Schwarz auf Weiß. “Zerreiß den Mist. Du bist nicht mehr magersüchtig”, riet mir mein Freund.

Das tat ich auch. Doch damit platzte auch mein Traum von einem Termin in der Ernährungspraxis. (Ich weiß, ich hätte nochmal bei meiner Ärztin anrufen können. Aber ich war so sauer und enttäuscht von dieser Frau, dass ich nicht noch einmal mit ihr sprechen wollte.)

Schlimmer geht nimmer!

Es vergingen noch ein paar Wochen. Mittlerweile hatte ich histaminreiche Lebensmittel aus meiner Ernährung gestrichen. Doch mein Hals wollte immer noch nicht besser werden. Eines Tages – es war der 4. September – dachte ich wirklich, dass gar nichts mehr geht. Meine Kehle fühlte sich so zugeschnürt an, dass ich vor Verzweiflung zu weinen begann. Das machte die Not jedoch noch größer. Es musste was passieren. Sofort.

Ich fuhr also in die Notaufnahme ins Krankenhaus. Über fünf Stunden harrte ich aus, bis ich wagte einmal an der Rezeption nachzufragen, wann ich denn wohl an der Reihe wäre. (Es war mittlerweile 21 Uhr, ich hatte nur ein Sommer-Outfit an, langsam begann ich zu frieren und mein Mittag war acht Stunden her. Oh Gott, haha, das klingt jetzt voll nach “Hunger, Pipi, kalt”. Aber mir ging es wirklich nicht gerade gut.)

Die überaus freundliche Frau am Schalter hatte wohl einen besonders guten Tag. Sie schnauzte mich direkt an. “Naja, Sie sind in der NOTaufnahme. Wir behandeln hier NOTfälle” und ließ mich verstehen, dass ich mit meinen “Halsschmerzen” hier nicht hergehörte.

Ich ging noch einmal zur Toilette, nahm meine Tasche und wollte gerade gehen, da wurde ich von der HNO-Ärztin in ihr Zimmer gebeten. Keine zwei Minuten später hatte ich eine Kamera im Hals (hineingeschoben durch die Nase – richtig lecker!) und auch schon die Diagnose. Reflux. Ganz klare Sache. Mein Fehler war es gewesen, von ihrer Vorgängerin zu erzählen, die ja ähnliches vermutete, nachdem sie von meiner Magersucht gehört hatte.

“Achso, ja also wenn Sie damit sogar mal in einer Klinik waren, ist Ihr Magen bestimmt in Mitleidenschaft geraten. Da kann das dann zum Reflux kommen”, sagte sie und begann meinen Entlassungsbrief zu tippen. Dass ich der Meinung war, es würde sich um etwas anderes handeln, wollte sie gar nicht mehr hören. Histamin? “Nene, dann hätten Sie ja Bauchweh und sowas”, lautete ihre Einschätzung.

Krankenhaus die Zweite

Ernüchternder hätte dieser Besuch nicht ablaufen können. Er konnte im November jedoch noch getoppt werden. Da hatte ich nämlich endlich einen Termin in der Allergologie des selben Krankenhauses, den ich noch aus der Notaufnahme heraus vereinbart hatte. (Ich hatte auf den Tag also zwei Monate gewartet.) Naja, was heißt “ich hatte den Termin”?! Also ja, ich hatte ihn vereinbart. Aber nein, er kam nie zustande. Als ich mich nämlich an der Rezeption anmelden wollte, wurde ich angeblöfft, man hätte mich nicht erreichen können. Es wären keine Ärzte im Haus.

Ich erklärte freundlich, dass ich in der Zwischenzeit ein neues Handy samt Nummer bekommen und mich deswegen keine Nachricht erreicht hatte. “Aber das ist ja kein Problem. Ich kann gerne wann anders wiederkommen”, sagte ich und blieb so höflich wie nur möglich. “Jetzt sind wir erstmal voll. Kommen Sie nächstes Jahr wieder”, wurde ich angefahren.

Ich sagte nicht mehr. Drehte mich um. Und ging. Natürlich setzte ich nie wieder einen Fuß in dieses Krankenhaus. Bei so viel Kompetenz und Freundlichkeit konnte ich gar nicht anders, als diesem Ort fern zu bleiben. Danke für gar nichts!!

Ein glückliches Ende ist in Sicht

Doch bevor ihr jetzt denkt, es gäbe kein Happy End, hier die plötzliche Wendung: Nur wenige Tage später guckte ich mir die Instagram-Story von der wundervollen Vicky an, die gerade von einer Heilpraktikerin kam und begeistert davon berichtete.

Ich schrieb Vicky sofort, bekam binnen Sekunden den Namen der Praxis und hatte wenig später einen Termin vereinbart, den ich im Januar wahrnahm.

Zum ersten Mal seit Langem hatte ich hier das Gefühl, verstanden zu werden. Die Heilpraktikerin nahm sich zeit für mich, ging individuell auf meine Symptome ein, hörte sich meine Geschichte an und erklärte mir schon währenddessen, was sie in Betracht ziehen würde. Als ich sagte, dass ich zwischenzeitlich auch Histamin im Verdacht gehabt hatte, nickte sie zustimmend und schlug vor, mich darauf zu testen.

Wir nahmen am Ende der Stunde also Blut ab und hatten drei Wochen später die Ergebnisse des “Food Sensor”-Tests. Was heraus kam?!

Yes, es ist eine Histaminintoleranz

Ich war nicht nur histaminintolerant, sondern hatte gleichzeitig auch noch andere Unverträglichkeiten entwickelt. Knoblauch, Paprika, Hafer – das alles schlug bei mir auch an. Kein Wunder also, dass ich selbst als ich mich histaminfrei ernährte, noch immer Probleme gehabt hatte. Ich wusste ja nicht, dass ich mit meinem Porridge (also Haferschleim) am Morgen mir gleich den ganzen Tag versaute und mein Symptom hervorrief.

Auch wenn die Liste jener Lebensmittel lang war, die ich ab sofort vermeiden sollte, ging ich extrem euphorisch aus dem Termin heraus. Ich sah das Ganze als Chance, neue Lebensmittel zu entdecken und mit ihnen herum zu experimentieren. Mein nächster Stop war also der Riesen-Rewe in meinem Stadtteil. Die Bio-Abteilung sowie der Gemüse- und Obstbereich sind hier einfach gigantisch.

Ich legte los. Statt Haferflocken kamen Reisflocken in meinen Einkaufswagen. Zum ersten Mal in meinem Leben kaufte ich Schwarzwurzeln. Um die Avocados machte ich zwar einen großen Bogen. Doch gleich dahinter entdeckte ich Pastinaken. Tatsächlich machte es großen Spaß nach Alternativen zu suchen und die Gewohnheiten zu durchbrechen.

Noch mehr Freude bereiteten mir die folgenden Tagen. Mein Hals war nicht mehr zugeschwollen. Mir ging es wieder gut. Ich konnte atmen. Seit langer Zeit fühlte ich mich wieder so richtig fit. Da war kein Störfaktor mehr.

Das ist jetzt sechs Wochen her. In der Zwischenzeit hatte ich meine Höhen und auch meine Tiefen. Manchmal kommt mein Symptom wieder, weil ich doch ein Gewürz nicht vertragen habe oder aber weil ich im Restaurant war und nicht genau kontrollieren konnte, was auf meinem Teller landet. Aber im Großen und Ganzen bin ich einfach nur dankbar, dass ich jetzt endlich weiß, was ich habe. Und das eben NICHT meine Psyche oder ein Reflux ist.

Was mir mein bisheriger Weg gezeigt hat?

Nun, es ist immer besser, wenn man sich eine Zweit- wenn nicht sogar Drittmeinung einholt. Außerdem sollte man immer an sich und seine Intuition glauben. Jeder weiß am besten, wie er sich in seinem Körper fühlt. Sollte euch also jemand erzählen, ihr wäret kein Notfall oder aber ihr hättet etwas, das eurer Meinung nicht passt, glaubt an euch. Forscht weiter. Gebt nicht auf.

Und noch eins habe ich gelernt: Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, greif lieber zum Apfel und mach Mus draus. Das schmeckt im Mandeljoghurt nämlich nicht nur mega gut, sondern ist auch noch voll von Quercetin und senkt deinen Histaminspiegel auf natürliche Weise. Zitrusfrüchte hingegen sollte man eher meiden.

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