Home,  Magersucht,  Top Reads

Die größten Missverständnisse gegenüber Magersüchtigen

Immer mal wieder kommen diese Momente im Leben, in denen man sich gewaltig auf die Zunge beißen muss, damit man bloß nichts Falsches sagt.

Mir ging es letzten Sommer in Verona so, als ich abends nach einer Fashion Show beruflich mit anderen Redakteur*innen und PR Manager*innen beim Dinner zusammensaß. Alle machten sich über ihren Teller Pasta her und genossen die italienische Küche in vollen Zügen. „Ich wette, so geil essen die Models jetzt nicht“, hieß es plötzlich am Tisch. „Die hungern doch eh alle nur.“ Und schwups redeten alle um mich herum mit einem Mal über das Thema Magersucht. Keiner von ihnen kannte damals meine Geschichte und ich wollte sie in der Runde auch nicht erzählen. Nicht beim Dinner. Nicht an dem Abend. Deswegen hörte ich still schweigend zu und verkniff mir, etwas zu sagen.

Von Sekunde zu Sekunde wurde es allerdings schwieriger, ruhig zu bleiben. Die anderen warfen nur so mit Vorurteilen um sich, dass es mir innerlich wirklich wehtat. “Die gucken dann in den Spiegel und sehen ein ganz falsches Bild”, sagte jemand rechts von mir. Alle nickten. “Ja, und in deren Augen sind wir ultrafett”, wurde noch ergänzt.

Jede Aussage schmerzte. Alles, was sie sagten, war einfach nicht richtig. Trotzdem blieb ich still und biss mir einfach noch fester auf meine Zunge, die sonst eigentlich ziemlich lose ist.

Seither habe ich den Wunsch in mir, mit den größten Missverständnissen aufzuräumen, die Außenstehende gegenüber Magersüchtigen haben. Es geht mir nicht darum, dass jeder diese Krankheit verstehen muss. Ich tue es ja selbst noch immer nicht. Aber ich möchte Barrieren beseitigen, die in Form von Klischees zwischen den Betroffenen und ihrer Umwelt stehen. Denn ich bin mir sicher, dass sie es sind, die andere meist vom Handeln und Helfen abhalten.

“Die sehen sich im Spiegel total fett”

Beginnen wir mit dieser Aussage, die wohl jeder schon einmal über Magersüchtige gehört hat. Dazu gibt es auch diese typische Karikatur von einem Skelett, das vor einem Spiegel steht und darin auf einen dicken Körper blickt.
Sicherlich ist dieses Bild nicht komplett abwegig. Denn ja, es stimmt, ein Sympton der Krankheit ist in vielen Fällen eine Körperbildstörung. Aber ich kann gerne einmal erzählen, wie ich mein Spiegelbild wahrgenommen habe. Denn nein, nicht immer muss eine solche Störung dazu führen, dass man “verzerrt guckt”.

Als ich bei einem mageren BMI von 13,5 angekommen war, habe ich sehr wohl die Knochen im Spiegel gesehen. Ich habe sehr wohl auf meine Rippen und Schlüsselbeine geblickt. Aber ich habe sie nicht mehr als meine eigenen wahrgenommen. Sie waren da und ganz deutlich zu erkennen. Aber sie gehörten nicht mehr zu mir, sie waren kein Teil mehr von mir.
Für mich endete mein Körper direkt unter meinem Hals. Nur noch meinen Kopf erkannte ich als meinen an. Alles was darunter kam, zählte nicht mehr zu meiner Selbst.

Müsste ich dazu eine Karikatur zeichnen, sähe sie ungefähr so aus: Ein Skelett steht vor einem Spiegel, in dem man lediglich einen Kopf mit blonden Haar sieht. Mehr nicht.

“Die haben sich das alle doch selber ausgesucht”

Klar, ich bin eines Tages shoppend durch die Stadt gezogen und habe mir nicht nur einen kuscheligen Pulli sondern gleich auch eine Magersucht ausgesucht. Die sah einfach so schön aus, da musste ich sie haben. SICHERLICH NICHT!😤🙄 (Und nein, eine Magersucht ist garantiert nicht schön und sieht auch an niemandem hübsch aus.)

Eine Magersucht sucht sich niemand aus. Sie ist eine psychische Störung, an der Mädchen, Frauen, Jungs und Männer aus unterschiedlichen Gründen erkranken. Das können extreme Lebenseinschnitte, Traumen oder Überforderung mit sich, der Gesellschaft und dem Leben sein. Oder sogar alles auf einmal. Auch bei mir gab es nicht nur den einen Auslöser. Es kamen viele Faktoren zusammen, die mich in der Summe krank gemacht haben. Und schließlich hat sich meine Psyche einen Weg gesucht um zu mir zu sprechen und mir zu sagen, dass etwas gewaltig schief läuft.

Man könnte sogar fast behaupten, dass nicht ich mir die Magersucht ausgesucht habe. Sondern sie mich. Denn zu all den Ursachen muss auch immer noch der Charakter des Einzelnen passen. Magersüchtig kann nur eine bestimmte Gruppe von Menschen werden. Sie müssen in ihrer Persönlichkeit bestimmte Züge mitbringen (hohes Perfektionismus- und Leistungsstreben, sehr detailgenau etc.), um eine Anorexie entwickeln zu können.

Leider brachte ich gleich alles mit…

“Für die sind Normalos ultrafett”

An dieser Stelle muss ich sofort die Notbremse ziehen. Nie, wirklich nie habe ich während meiner Anorexie über andere Körper geurteilt. Ich habe niemals über andere gedacht: “Boah, wie sehen die denn aus?!” Kein einziges Mal habe ich eine Person in meinem Umfeld als dick oder gar fett erachtet. Nur bei meiner eigenen Figur war ich extrem kritisch. Alle anderen durften leben und essen, wie sie wollten. Meine verzerrte Wahrnehmung betraf nur mich ganz allein.

“Die wollen aussehen wie Topmodels”

Nein, nein und wieder nein. Diese Behauptung hinkt doch von vornherein. Überlegt doch einmal: Wollte ich aussehen, wie eine Adriana Lima, die durchtrainiert und sexy ist, dann hungere ich mich doch nicht bis auf meine Knochen herunter und “verunstalte” mich selbst. Die wenigsten stehen am Anfang ihrer Anorexie da und nehmen sich vor, schon bald wie ein Topmodel auszusehen.

Natürlich spielt das gesellschaftliche Schlankheitsideal eine Rolle bei der Krankheit. Damals, als Fettpolster noch als erstrebenswert galten und ein Zeichen des Wohlstands darstellten, hat es wesentlich weniger Anorexien gegeben. Doch nicht allein der Anblick von schmalen Körpern veranlasst einen dazu, sich dem Tod auf Raten zu stellen. (Für mich ist eine Anorexie nichts anderes als das.)
Wie ich ja bereits sagte: Auslöser gibt es viele. Und diese gehen meist viel tiefer als die oberflächlichen Werbeplakate von Victoria’s Secret.

 

Das nächste Mal wenn am Tisch wieder eine dieser Aussagen fällt, beiße ich übrigens nicht mehr auf meine Zunge. Ich werde aufklären und von meinen Erfahrungen erzählen. So wie ich euch hier alles erklärt habe. Und vielleicht kommen wir irgendwann einmal an den Punkt, an dem Magersucht als ernst zunehmende Krankheit verstanden wird und darüber nicht bloß klischeehaft gesprochen sondern wirklich geholfen wird.

 

5 Kommentare

  • Amanda

    Liebe Tabea,

    Ein sehr ehrlicher und berührender Beitrag, der deinen Mut wiederspiegelt und ein Stück mehr Realität in dieser Scheinwelt der Social Media schafft:) Ich stimme dir in vielen Punkten zu, voll und ganz! Aber ich denke, dass an der Körperschemastörung in vielen, vielen Fällen schon was dran ist. Klar, die berühmte Skizze ist wohl übertrieben:), aber Skelett vs. „Ach da geht noch was!/ „Was reden die denn alle? Bin doch noch immer normal bzw nicht dünn genug“ trifft es vielleicht besser.
    Wie auch immer, toller Beitrag!!!

    • Tabea

      Liebe Amanda, vielen Dank für dein Feedback und deine Einschätzung!
      Natürlich ist ein verzerrtes Selbstbild Teil einer Magersucht. Da habe ich dann wohl an dir „vorbeigeschrieben“. Ich behaupte mit keinem Satz ein Gegenteil. Ich habe lediglich zum Ausdruck bringen wollen, dass dieses Bild (Skelett vor Spiegel) nicht immer so stimmt, wie es sich viele Außenstehende vorstellen und dass es – wie zum Beispiel bei mir – anders sein kann. Darum geht es mir in meinem Text sowieso: zu zeigen, dass es nicht die eine Anorexie gibt und sie bei jedem andere Wurzeln hat und sich bei jedem auch anders entwickelt.
      Großes Merci noch einmal, dass du mit mir in den Austausch trittst 🙏🏻❤️
      Habe einen schönen Start in die Woche, Tabea 💕

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.