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Ein Jahr ohne Waage. Mein Leben hat mehr Gewicht als je zuvor!

Es gab eine Zeit, da begann mein Tag immer mit dem gleichen Ablauf: Erst aufs Klo, dann auf die Waage.

Die Zahl, die ich hier zu sehen bekam, bestimmte anschließend die nächsten 24 Stunden. War sie geringer als am Vortag, entfachte in mir ein Feuerwerk aus Glück und Stolz. Doch wehe, sie war noch die selbe oder gar mehr. Dann war der Tag für mich gelaufen. In mir schrie es dann nur noch: „Fett! Du bist einfach Fett! Was kannst du eigentlich, wenn nicht einmal abnehmen?!“

Jeder Schritt auf die Waage wurde zur Belastung

Glaubt mir, diese Tage waren der Horror. Ich fürchtete mich extrem vor ihnen. Doch ich konnte einfach nicht anders, als mich immer und immer wieder auf die Waage zu stellen. Tag ein, Tag aus.  Es war ein Mechanismus, den ich nicht mehr selber steuerte. Meine Magersucht saß definitiv am längeren Hebel. Es war, als würde sie mich auf ein Fließband stellen, das mein Bett mit meiner Waage verband, und einmal den Schalter umlegen. Und schwups stand ich schon wieder auf dieser dämlichen pinken Glasplatte und starrte auf die digitale Anzeige.

Wenn ich heute zurückblicke, kann ich kaum glauben, dass ich es zuließ, mein Glück aus meinen Händen zu geben. Denn der Schritt auf die Waage ist nichts anderes als das: Man lässt zu, dass eine Zahl einen viel zu hohen Stellenwert einnimmt. Man lässt zu, dass eine Zahl einem sagt, ob man so okay ist, wie man ist. Und man lässt zu, dass sie einem diktiert, dass man es in den meisten Fällen eben nicht ist. Denn mal ehrlich: Für Zufriedenheit sorgt der Gang auf die Waage bei den wenigsten. Selbst wenn gerade alles „stimmt“, ist der zweite Gedanke „Da geht doch noch was“ meist nicht fern. Uns werden so viele Tipps zur Selbstoptimierung entgegen geschleudert, dass wir gar nicht mehr anders können, als sie in unser Weltbild – oder besser noch Selbstbild – zu integrieren.

Tschüss Klinik, bye-bye Waage!

Nachdem ich monatelang in einer Klinik war und mich schließlich wieder im Normalgewicht befand, ging ich im Februar 2017 nach Hamburg zurück, blieb jedoch in ambulanter Therapie. Die Bedingung meiner Psychologin: Ich musste mich weiterhin jeden Dienstag von meiner Hausärztin wiegen lassen. Klar, die Intention war jetzt eine komplett andere. Die Zahl sollte schließlich stabil bleiben und nicht – wie zu Zeiten meiner Magersucht – ins Unendliche sinken. Doch noch immer fühlte ich mich abhängig von diesen drei Ziffern und diesem extrem kleinlichen Komma.

Versteht mich nicht falsch. Anfangs war es komplett richtig, dass ich weiterhin mein Gewicht im Auge behielt! Doch nach etwa einem Jahr wollte ich Schluss damit machen. Monatelang hatte sich nichts an meinem Gewicht verändert. Es war stabil. Und auch ich war es mittlerweile wieder – also psychisch gesehen. Das Verlangen, mir zu schaden und mich herunterzuhungern, gehörte der Vergangenheit an. Deswegen wollte ich damit nun komplett abschließen und endlich das Hier und Jetzt genießen können, ohne mein Glück von einer Zahl abhängig zu machen.

Wir alle sind mehr als nur eine Zahl!

Ich beschloss (im Einverständnis mit meiner Therapeutin) mich nie wieder auf die Waage zu stellen. Das ist jetzt ganz genau ein Jahr her. Und wisst ihr was?! Diese zwölf Monate waren für mich die zwanglosesten, freiesten und glücklichsten meines Lebens. 365 Tage lang bestimmte ich über mich und nicht irgendeine Zahl.

Ich ganz allein beschließe bis heute an jedem Morgen, wie mein Tag werden wird. Ich blicke nicht auf irgendeine digitale Anzeige, sondern stolz darauf, zu wem ich mich entwickelt habe und wie wundervoll ich eigentlich bin. Ich bin nämlich so viel mehr als eine Zahl. Ich bin eine begeisterungsfähige Entdeckerin, extrem gut mit Worten und liebevoll und respektvoll im Umgang mit Anderen.
Seitdem ich nicht mehr auf die Waage steige, kann ich viel besser erkennen, wie viel Gewicht mein Leben wirklich hat. Es ist ein 1000-Tonner – voll von Glück, Liebe, Leidenschaft und Abenteuern und ich präge dieses Leben mit all meinen wundervollen Eigenschaften.

Ich habe keine Ahnung, wie viel ich momentan wiege. Doch ich kann mit Leichtigkeit sagen: Ich finde mich schwer okay.

xx, T

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