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… und plötzlich herrschte Totenstimme

„Iss doch einfach mal ’nen Snickers“ ist vielleicht witzig, wenn es zu einer Diva auf der Rücksitzbank gesagt wird. Weniger darüber lachen kann ich allerdings, wenn er zu einer Magersüchtigen flapsig daher gesagt wird.
Ich hörte ihn einige Male, als ich mich im extremen Untergewicht befand. Und wow, wie unsensibel kann man eigentlich sein?!

Denn ganz ehrlich: Würde ein einfacher Schokoriegel das „Heilmittel“ sein, stürbe garantiert nicht jede Zehnte Magersüchtige an den Folgen ihrer Essstörung.

Aber warum aß ich damals nicht einfach diesen Snickers und musste mir solch wirklich ungeschickt formulierten Ratschläge anhören?!

So abgedreht und irre das jetzt auch klingen mag: Da war diese Stimme in mir, die mir mit aller Kraft das Essen austrieb.
Zunächst war es noch meine eigene, die anfangs nur leise wiederholte, was ich gerade über Diäten und Co. gelesen hatte. „Low Carb bringt die Kilos zum Purzeln“, erinnerte sie mich. „Meiden Sie Kohlenhydrate“, rief sie mir einen anderen Abnehm-Tipp wieder ins Gedächtnis.
Ich wollte abspecken, nachdem ich in der letzten Phase meines Studiums etwas zugelegt hatte. Deswegen hörte ich auf sie. 

Selfmade Erdnuss-Schoko-Riegel
Gewissensbisse? Heute nicht mehr. Stattdessen beiße ich lieber mit Genuss zu.  Vor allem wenn es sich bei dem Schokoriegel um „Homemade Snickers“ handelt. Yuuuummy!

Doch sobald die ersten Kilos runter waren, wurde sie immer lauter. Außerdem meldete sie sich auch immer öfter. Ihr Repertoire an Verboten wuchs fast täglich. Nämlich immer dann, wenn ich in Magazinen und im Netz frische Tipps und Tricks gelesen hatte. „Tu dies nicht. Iss das nicht. Joggen verbrennt besonders viele Kalorien. Zimt kurbelt die Fettverbrennung an.“

Ich gehorchte – stolz und glücklich darüber, so diszipliniert zu sein.
Das Abnehmen erfüllte mich. Ich fühlte mich, als hätte ich alles unter Kontrolle. Doch eigentlich hatte ich diese schon längst an die Stimme abgegeben, die mittlerweile nicht mal mehr nach meiner eigenen klang. Sie hatte innerhalb weniger Monate einen anderen – viel bösartigeren, herrischeren – Ton angenommen und beleidigte mich zu allem Überfluss auch noch allzu gerne. „Wenn du das jetzt isst, du dicke Sch****e, kannst du gleich zehn Mal um den Weiher laufen!“

Ich musste nur in die Nähe eines verbotenen Lebensmittels gucken, da ermahnte sie mich direkt. Sie füllte mich so sehr aus, dass ich selber unterging. Sie übertönte einfach alles. Ich kam nicht gegen sie an.

Das Fiese daran: Während sie immer stärker wurde, wurde ich immer schwächer. Mein Body Mass Index war im kritischen Bereich angekommen, ich hatte keine Kraft mehr, gegen sie anzuschreien.

Da wo vor etwa zwei Jahren noch Stille herrschte, herrschte nun sie vor. Die Totenstimme, die mir alles Leben aussaugte.


Einfach mal in ’nen Snickers beißen?
„WILLST DU ETWA NOCH HÄSSLICHER WERDEN. GUCK DICH BLOSS MAL AN DU *****“

Ich kann niemandem den Schokoriegel-Ratschlag übel nehmen, so unpassend ich ihn auch empfinde. Schließlich kann niemand nachvollziehen, was in einer Magersüchtigen vorgeht. Selbst ich kann bis heute nicht verstehen, was mich da so in seinen Fängen hielt.
Eins ist jedoch Gewiss: Wenn wir alle unsere Stimmen zusammenlegen und so richtig laut werden, können wir nicht nur die Stille sondern auch so manche Totenstimme brechen. 

Ihr hört von mir (mit meiner ganz eigenen Stimme).
xx, T

Das Rezept zu meinen eigenen, gesunden Peanut-Schoko-Riegeln findet ihr übrigens hier

9 Kommentare

  • Carmen

    Hallo Tabea,

    zu allererst einmal ➡️ toller Block und ein guter Beitrag. 👌👍
    Ich möchte ehrlich sagen, dass du gut aussiehst!
    Leider weiß ich so nicht mehr ob du mich noch kennst aber – ich hoffe ich stoße nichts an – wir „kennen“ uns von der Klinik.
    Meine Frage an dich wäre, ob du mir helfen magst. Ich habe mein Studium wieder aufgenommen und schreibe zur Zeit eine Bachlorarbeit über das Thema “ angebrachte Nachsorge für essgestörte Klienten nach einem Klinikaufenthalt“. Hierzu würde ich dir gerne ein paar Fragen stellen die natürlich anonym bleiben!!
    Würdest du mir helfen?
    Mit freundlichen Grüßen und ich würde mich über eine ab Antwort freuen 😊

    • Tabea

      Liebe Carmen,
      wie toll, von dir zu hören und vor allem zu lesen, dass du jetzt kurz vor deinem Bachelor-Abschluss stehst.
      Natürlich weiß ich auch noch, wer du bist! 🙂
      Bei deiner Arbeit helfe ich dir sehr gerne! Schicke mir alle Fragen zu!
      Wo wollen wir uns denn mal connecten?
      Ganz liebe Grüße zurück, Tabea

  • Sabrina (Eule)

    Meine liebe 💖
    Es freut mich so zu lesen , dass es dir gut geht und dass du unsere vermeintliche Schwäche zu deiner Stärke gemacht hast . Ich lese gerne deine Beiträge und folge dir auf Instagram ! Ich freue mich über jeden Post von dir , in dem man sieht wie deine Augen am strahlen sind und dass du deine lebensfreude zurück gewonnen hast 🙂
    Ich wünsche dir von Herzen weiterhin alles alles gute 🍀
    Ich denke an dich
    Die Eulenverrückte Sabrina aus der B5 ☺️💖 ich denke du weißt wer ich bin ^^

    • Tabea

      Oh Sabrina, natürlich weiß ich noch wer du bist. Du hättest nicht einmal den Zusatz schreiben müssen. So sympathische Menschen, mit so einer ruhigen tollen Ausstrahlung wie du sie hast, vergesse ich doch nicht! Hihi.
      Es freut mich sehr doll, einmal wieder von dir zu hören. Und ich bin auch glücklich darüber, dass du mir so gerne folgst.
      Ich hoffe sehr, dass auch dir es gut geht und deine kleine Maus dich glücklich macht! 😊
      Ich drücke dich, du wunderbare Eule 😉
      xx Tabea

  • Kathi

    Hallo Tabea,
    ich finde es natürlich auch toll, dass du es geschafft hast der „Todesstimme“ zu entkommen. Dein Leben sieht so mit Spaß und Liebe gefüllt aus, das was das Leben halt ausmacht :). Ich hoffe das dich viele als Vorbild sehen (egal ob krank oder nicht), weil du bist ein Vorbild für mich und deine Posts bringen mich immer wieder zum Lächeln!! Mach weiter so! Danke!
    xx Kathi

    • Tabea

      Liebe Kathi,
      du rührst mich gerade sehr. Ehrlich!
      Ich lese so gerne, dass ich dich zum Lachen bringe und ein bisschen inspirieren kann.
      Ich muss übrigens immer noch dabei grinsen, wenn ich daran zurückdenke, wie du mir nachts an meinem Geburtstag den Barbiekalender überreicht hast. Und bald ist ja auch wieder (Gryffindor-)Schalsaison 😉
      Ich drücke dich! xx Tabea

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